Staatlich geförderte Verhaltenswissenschaft – Die dringende Notwendigkeit eines ethischen Rahmens

Bildquelle: https://www.amcentret.dk/blog/nudge-dig-til-en-smittefri-arbejdsplads/

Anmerkung Bastian Barucker: Ein bedeutsamer Teil des Corona-Komplex ist der Einsatz verhaltenspsychologischer Erkenntnisse, um die Bevölkerung ohne deren Wissen subtil zu einem gewünschtem Verhalten zu “stupsen”(nudging). Eine ausführliche Behandlung dieses Themenkomplexes erfolgte bereits Anfang des Jahres auf diesem Blog durch den Gastbeitrag einer anonymen Psychologen. Der folgende Artikel beschäftigt sich mit der Frage inwiefern ein ethischer Umgang mit Elementen der Verhaltenswissenschaft als politische Werkzeuge aussehen könnte und ob es diesen in demokratischen Gesellschaften überhaupt geben kann.


Der allgegenwärtige Einsatz verhaltenswissenschaftlicher Techniken – “Nudges” -, um die Einhaltung der Covid-19-Maßnahmenn und die Einführung des Impfstoffs zu fördern, hat erhebliche ethische Bedenken aufgeworfen. Besonders alarmierend ist der strategische Einsatz von Angst (oder “Affekt” in der Sprache der Verhaltenswissenschaft), Beschämung (“Ego”) und Gruppendruck (“Normen”) durch den Staat. Die Tentakel der Verhaltenswissenschaft haben sich über den Bereich der Pandemiebekämpfung hinaus auf viele andere Bereiche des täglichen Lebens ausgedehnt, darunter die Schuldeneintreibung und die grüne Agenda. In Anbetracht ihrer weiten Verbreitung und der damit verbundenen tief greifenden ethischen Fragen ist es unerlässlich, dass die Regierung beim Einsatz dieser mächtigen Techniken einen soliden und transparenten ethischen Rahmen einhält. Es ist alarmierend, dass Politiker und staatlich geförderte Verhaltenswissenschaftler bisher eine hartnäckige Abneigung gegen die Diskussion dieser Fragen an den Tag gelegt haben.

Ein solides ethisches Protokoll, das den künftigen staatlichen “Nudging”-Prozess lenken und einschränken würde, würde vier Kernelemente enthalten. Erstens müsste die moralische Vertretbarkeit der Methoden an sich geprüft werden, um die eher aversiven Überzeugungstechniken einzuschränken (oder zu verbieten). Eine Regierung, die ihren Bürgern strategisch emotionales Leid zufügt, um die Einhaltung ihrer Agenda zu erreichen, passt nicht zu dem, was man von einer zivilisierten westlichen Demokratie erwarten kann. Man kann sogar argumentieren, dass solche Taktiken in mancher Hinsicht denen totalitärer Regime ähneln, bei denen der Staat einer Teilmenge seiner Bevölkerung Schmerzen zufügt, um Überzeugungen und Verhaltensweisen zu beseitigen, die er als abweichend ansieht.

Der strategische Einsatz von Angst, Scham und Gruppenzwang kann auch unbeabsichtigte Folgen haben, wie z. B.: eine nicht Corona bedingte Übersterblichkeit , aufgrund der Angst der Menschen vor einem Krankenhausbesuch, einen deutlichen Anstieg der Angst in der Bevölkerung und der damit verbundenen psychischen Probleme, den vorzeitigen Tod älterer Menschen aufgrund von Einsamkeit und die Verunglimpfung von Minderheitengruppen, wie z. B. derjenigen, die die Impfung abgelehnt haben.

Zweitens ergeben sich ethische Fragen aus der mangelnden Transparenz; viele der eingesetzten “Nudges” wirken sich auf ihre Zielpersonen aus, ohne dass diese sich dessen bewusst sind. Dies steht im Gegensatz zu den konventionellen Methoden der staatlichen Überzeugungsarbeit, die sich hauptsächlich auf die Bereitstellung von Informationen und rationalen Argumenten stützen. Diese verdeckte Vorgehensweise untermauert den Vorwurf, dass diese verhaltenswissenschaftlichen Strategien manipulativ sind.

Drittens kann die wahrgenommene Legitimität des Einsatzes unbewusster Stimuli zur Beeinflussung von Menschen auch von den verfolgten Verhaltenszielen abhängen. Es ist fraglich, ob der Einsatz von Angst, Scham und Gruppenzwang, um die Einhaltung von noch nie dagewesenen und nicht evidenzbasierten Corona-Maßnahmen zu erreichen, bei der britischen Bevölkerung Anklang gefunden hätte, wobei sie diese Strategien wahrscheinlich eher akzeptieren würde, wenn das Ziel beispielsweise darin bestünde, Gewaltverbrechen zu verringern.

Das vierte – und wohl wichtigste – Element betrifft die Frage der informierten Zustimmung. Während der gesamten Covid-Ära wurde dieser Eckpfeiler der ethischen klinischen Praxis verschmäht, und die britische Bevölkerung musste staatlichen Zwang in Bezug auf Masken und Impfungen sowie einen unerbittlichen Beschuss mit verhaltenswissenschaftlichen Waffen ertragen. Wenn große Summen an Steuergeldern für Nudging ausgegeben werden, haben die Bürger ein Recht darauf, über die Angemessenheit und Akzeptanz dieser Überzeugungsstrategien befragt zu werden.

Die Entwicklung eines zweckdienlichen ethischen Rahmens zur Begrenzung künftiger staatlich geförderter Nudging-Maßnahmen könnte in zwei Stufen erfolgen. Zunächst müssen die wichtigsten Strukturen und Prozesse geklärt werden, die an der Entscheidungsfindung über den Einsatz verhaltenswissenschaftlicher Interventionen während der Covid-Ära beteiligt waren, um die Verantwortlichkeiten sowohl für die Kommunikationsstrategie der Regierung im Rahmen von Covid-19 als auch für die zu ihrer Umsetzung eingesetzten Nudges zu ermitteln. Wie viele Verhaltenswissenschaftler sind derzeit in den einzelnen Ministerien beschäftigt und zu welchen Kosten für den Steuerzahler? Wo und von wem wurden die wichtigsten Entscheidungen über den Inhalt und den Ton der Medienkampagne getroffen? Hat sich die Regierung bei der Entwicklung ihrer Kommunikationsstrategie für Covid-19 auf einen ethischen Rahmen bezogen?

Sobald mehr Klarheit über die bestehenden Machenschaften der Nudging-Maschine der Regierung besteht, würde das zweite Ziel darin bestehen, eine Reihe von maßgeschneiderten ethischen Richtlinien und/oder Prozessen zu entwickeln, um die zukünftige Nutzung der Verhaltenswissenschaft durch den Staat einzuschränken. Ein solches Protokoll sollte mindestens folgende Punkte beinhalten:

  • Einholung der informierten Zustimmung der Zielpersonen
  • Bewertung der Akzeptanz der angewandten Methoden
  • Festlegung eines akzeptablen Maßes an Transparenz
  • und Klärung der Frage, welche Ziele mit diesen Methoden verfolgt werden können

Bei der Entwicklung geeigneter Leitlinien für den Einsatz von Nudging durch den Staat kann auf eine Reihe bestehender ethischer Rahmenwerke zurückgegriffen und diese angepasst werden, z. B. das Seedhouse Grid, das zur Förderung der ethischen Entscheidungsfindung im Gesundheitswesen entwickelt wurde, und ein Modell mit sieben Kategorien zur Unterscheidung zwischen einvernehmlichen und manipulativen Formen der “organisierten persuasiven Kommunikation”.

In den letzten 30 Monaten hat die britische Regierung ihre eigenen Bürger einem unerbittlichen Ansturm psychologischer Manipulation ausgesetzt und dabei oft verdeckte Formen verhaltenswissenschaftlicher Techniken eingesetzt. Wir müssen unbedingt so viel wie möglich aus dieser beispiellosen Periode staatlich geförderter Überzeugungsarbeit lernen und einen zweckmäßigen ethischen Rahmen entwickeln, um uns vor künftigen Versuchen der Regierung zu schützen, uns mit moralisch inakzeptablen Strategien dazu zu bringen, “das Richtige” zu tun.

Dieser Artikel erschien unrsprünglich auf der Webseite der HARTGroup.

“HART ist eine Gruppe hochqualifizierter britischer Ärzte, Wissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler, Psychologen und anderer akademischer Experten. Wir haben uns aus gemeinsamer Sorge über die Politik und die Empfehlungen zur COVID-19-Pandemie zusammengeschlossen.”


Die Übersetzung und Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung durch die HARTGroup.

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