Versagen in Zeiten der Finsternis – Humanitäre Hilfe in Südostasien im Zeitalter von COVID-19

von Helen Tindall und David Bell

Humanitär: “das Wohl der Menschen fördernd, menschenfreundlich, wohltätig”

Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache.

Gesundheit: „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

~ Verfassung der WHO, 1946

In den letzten 18 Monaten ist bei den größten Hilfsorganisationen der Welt die Besessenheit von einem einzelnen Virus an die Stelle von lebenswichtiger Hilfeleistung getreten. Und das mit immer verheerender werdenden Konsequenzen für die Ärmsten dieser Welt, die darauf angewiesen sind, dass sich diese mächtigen Organisationen für ihr Recht auf Gesundheit und ihren Zugang zu medizinischer und sozialer Hilfe einsetzen. Armut und Elend haben auf tödliche Weise zugenommen. Gemeinschaften werden durch die obsessive Fixierung auf COVID-19, wie sie in Lockdownmaßnahmen und jetzt in Zwangsimpfungen deutlich wird, geschwächt, gelähmt und hilflos gemacht.

Internationale Hilfsorganisationen wissen genau, dass Einkommen, ausreichende Ernährung, Bildungschancen und der Zugang zu Gesundheitsversorgung die wichtigsten Determinanten von Gesundheit und Sterblichkeit sind. Doch die World Health Organization (WHO), nationale Geldgeber und private Stiftungen wie die Bill and Melinda Gates Foundation haben sich mit Nachdruck Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie verschrieben, die ihrer Anlage nach negative Auswirkungen auf diese Gesundheitsfaktoren haben müssen. Lockdowns setzen frühere Pandemierichtlinien außer Kraft und treffen ungleich stärker die Ärmsten der Gesellschaft. Massenimpfungen, die an die Stelle von zielgerichteten Programmen treten, vergrößern diesen Schaden, indem sie Ressourcen von Krankheiten ablenken, die eine größere Belastung der allgemeinen Gesundheit sind.

Eklatant sind diese Schäden in asiatischen und afrikanischen Ländern, die unter einer relativ geringen Belastung durch COVID-19, dafür aber unter autoritären Regierungen zu leiden haben. Die Leidtragenden sind Einzelne, Familien und Gemeinschaften, die die führenden Institutionen früher zu unterstützen vorgaben. Millionen von Menschen sind betroffen – doch die Folgen lassen sich am besten anhand der Geschichten Einzelner verstehen, die im Stich gelassen wurden. Hier sind einige aus Südostasien:(1)

Tod aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit

Aus persönlichen Berichten von Kontaktpersonen in lokalen Gemeinschaften ist immer wieder zu hören, dass Angehörigen die würdige Bestattung eines Verstorbenen verboten wird, der zum Covid-19-Fall erklärt wurde. Wenige Krematorien haben die Erlaubnis oder sind bereit, solche Leichname zu verbrennen. Familien zahlen Wuchersummen für die Streichung des Covid-19-Vermerks vom Totenschein, um von einem geliebten Angehörigen auf geziemenden Weise Abschied nehmen zu können. Nur zu gerne wird das von geldgierigen Ärzten in schwierigen Zeiten ausgenutzt, erst recht in einem gesellschaftlichen Umfeld, das ohnedies mit Korruption geschlagen ist. Oft sieht man bis zu sechsköpfige Bestattungskommandos im Schutzanzug, von denen nur zwei den Leichnam tragen, von denen aber alle für ihren Totengräberdienst bezahlt werden.

Gemeinschaften wurden durch Auflagen, die ihnen oft ihre Überlebensgrundlagen entziehen, in Elend und Abhängigkeit gestoßen. Es ist ein bekanntes Phänomen (unter anderem beschrieben von Sir Michael Marmot), dass sich in ihrer Selbstständigkeit beraubten Gemeinschaften viel mehr junge Menschen umbringen. Selbstmorde werden, wie vieles anderes Leid, kaum gemeldet, und Kenntnis von ihnen beruht zumeist auf Einzelberichten. Während die gemeldeten Zahlen in einigen Ländern steigen, müssen die Daten in anderen mühselig aus Berichten vor Ort zusammengefügt werden.

Wenn ein kleines Gewerbe, das gerade zum Überleben reicht, verboten wird und kein soziales Netz existiert, ist alles verloren. In den acht Jahren enger Verbundenheit mit einem der Länder, in denen Helen gelebt und gearbeitet hat – davon drei Jahre zusammen mit staatlichen und anderen lokalen Gesundheitseinrichtungen und zugleich in verarmten Gemeinschaften freiwillige Hilfe leistend –, hatte sie nie auch nur von einem einzigen Selbstmord gehört. Im Juni 2021 berichteten ihr Freunde innerhalb einer Woche gleich von drei Selbstmordversuchen junger Männer, von den zwei erfolgreich gewesen waren. Wenige Wochen zuvor war die Leiche eines jungen Mannes gefunden worden, der sich in einem Baum erhängt hatte und erst dann losgemacht werden durfte, nachdem ein Testteam eingetroffen war, um einen Nasenabstrich zu nehmen. Erst als das negative Ergebnis des Schnelltests feststand, erhielt seine Familie die Erlaubnis, sich um den Leichnam zu kümmern und die Bestattung vorzubereiten.

Verlust überlebenswichtiger medizinischer Versorgung

In einer anderen Gemeinschaft wurde es für den etwa 25jährigen, HIV-positiven „Matt“, der an einer Tuberkulose mit Mehrfachresistenz litt, unmöglich seine Medikamente zu bekommen – ein Problem, vor dem einige internationale Organisationen gewarnt hatten, die in der Hilfe gegen HIV und TB aktiv sind. Innerhalb weniger Monate war Matt stark abgemagert, und sein Zustand hatte sich extrem verschlechtert. Als sich seine Erkrankung so sehr verschlimmert hatte, dass er schließlich einwilligte, ärztliche Hilfe zu suchen, wurden er und seine Schwester an zahlreichen medizinischen Einrichtungen „wegen Covid“ abgewiesen.

Verlust des Zugangs zu Nahrung

Tod infolge von Unterernährung ist in armen Ländern auch in besseren Zeiten die Folge von tief sitzender Armut. Nach Angaben der Vereinten Nationen nimmt die Ernährungsunsicherheit weltweit in katastrophaler Weise zu, Lockdowns und die Unterbrechung von Wirtschaftskreisläufen haben für weitere 118 Millionen Menschen zu schwerer Nahrungsmittelknappheit geführt. Tod durch Unterernährung trifft am stärksten die ärmsten Gemeinschaften, die von Tagelöhnerarbeit leben müssen und auf informelle Märkte angewiesen sind. Lockdowns bedeuten für sie, dass sie ihre Überlebensgrundlage verlieren.

Sam und Mary, beide über sechzig, hatten in einer improvisierten Bambushütte gehaust und davon gelebt, Gemüse zu sammeln, das sie am Straßenrand verkauften. Als Lockdowns mit der strikten Anweisung kamen, zuhause zu bleiben, konnten sie nicht mehr nach Nahrung suchen. Der Hunger zehrte sie langsam auf, bis Mary eines Morgens im Juni 2021 nicht mehr aufwachte. Ihre in der Nähe lebenden Kinder brachten sie zum baufälligen Tempel am Ort, um für die Verbrennung ihres Leichnams zu sorgen. Der Verbrennungsofen war irreparabel kaputt, so dass sie weiterziehen mussten, um –vergeblich – nach einer anderen bezahlbaren Lösung zu suchen. Als die Kinder mit Marys Leichnam zurückkehrten, fanden sie Sam tot in der Hütte liegen. Sie waren gezwungen, einen Kredit aufzunehmen, um ein kleines Stück Land zu kaufen, auf dem sie ihre Eltern beerdigen konnten, und sind jetzt auf Jahre hinaus verschuldet.

Im Stich gelassene Alte

Der Schutz der Alten ist das Mantra der Pandemie. Doch Jack hat es nicht geholfen. Über achtzig Jahre alt, wurde Jack bettlägerig, litt an Gicht und Rückenschmerzen und verlor nach und nach das Bewusstsein. Kein Krankenhaus erlaubte seiner Familie, bei ihm zu bleiben und sich um seine Pflege zu kümmern, wie es in Jacks Land nötig ist, und „wegen Covid“ war kein Arzt zu Hausbesuchen bereit. Die Menschen wurden hinter Stacheldraht in ihre Viertel gesperrt, um Bewegungen zu unterbinden. Seine erwachsenen Töchter mussten ihre eigenen Familien verlassen, um Jack zuhause pflegen zu können. Trotz ihrer Mühen leidet Jack jetzt an Druckgeschwüren – auf Geheiß der WHO im Stich gelassen vom staatlichen Gesundheitssystem.

Falsche Schuldzuweisungen

Es ist eine falsche Ausrede, das soziale Leid „Covid“ zuzuschreiben. Es ist nicht „Covid“, das den Zugang zu medizinischer Versorgung verhindert, nicht „Covid“, das Märkte und Schulen schließt, nicht „Covid“, das Menschen verhungern lässt. Das Virus, das COVID-19 verursacht, tötet weniger als 3 von 1000 infizierten Menschen und lässt junge Menschen selten ernstlich erkranken. In vielen armen Ländern sind möglicherweise die meisten Menschen inzwischen immun. Es sind die Maßnahmen – Lockdowns –, die einfache Menschen mit einem sehr niedrigen ernsthaften Erkrankungsrisiko daran gehindert haben, ihren täglichen Überlebenskampf zu bestehen. Maßnahmen, die von Mitarbeitern von Hilfsorganisationen energisch vorangetrieben wurden obwohl sie bisherigen Pandemierichtlinien völlig widersprechen und voller inhumaner Auflagen sind.

Wer sind die Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen?

Ihre Qualifikation und Erfahrung sind höchst unterschiedlich, und entsprechen oft nicht den Aufgaben, die sie in armen Ländern zu erfüllen hätten. Doch ihre westliche Ausbildung erfreut sich größter Hochachtung, egal wie wenig diese in bestimmten Kontexten taugen mag.

Viele ausländische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen führen in armen Ländern ein luxuriöses Leben, das sie sich in ihrer Heimat niemals leisten könnten. Großzügige Häuser in reichen Wohnvierteln, billige Hausangestellte und ein mondänes Leben in einer isolierten Oberschicht sind weit verbreitet. Andere leben in malerischer Schweizer Umgebung von den aus Steuermitteln finanzierten Hilfsgeldern ihrer Heimatländer. Sie führen ein reich alimentiertes Leben, wohnen in Luxushotels und fliegen mit der Business Class. Diese Privilegien sollten mit Pflichten einhergehen. Zuallermindest sollte ihr Leitprinzip lauten: „Richte keine Schaden an!“

In der Regel sind Menschen voller guter Absichten an, wenn sie in den Dienst dieser Organisationen treten. Doch ihre Ideale stumpfen ab, je mehr sie zu Rädchen in einem Getriebe werden, „geködert“ von Vergünstigungen wie Zuschüssen zum Schulgeld ihrer Kinder und Pensionszuschlägen für die Zeit nach ihrem Berufsleben. Aber sie kommen in der Welt herum, sie können sehen und sie können wissen, was Sterben und Leid verursacht.

Unser Appell an die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen

Die Konzeption und Umsetzung von guten Gesundheitsmaßnahmen erfordert ein sorgfältiges Lesen der Tatsachen und verträgt sich nicht mit gedankenloser Willfährigkeit gegenüber Richtlinien und Vorgaben. Wenn die Entscheidungsträger in offenkundiger Ignoranz fundamentaler Prinzipien wie des „Primum non nocere“ agieren und Maßnahmen treffen, die geeignet sind, Unterernährung, Ungleichheit, Menschenhandel und Kinderehen zu vermehren, ist es inakzeptabel, wenn ihre Mitarbeiter schweigen. Ihr Schweigen signalisiert Einverständnis, und ihre Willfährigkeit bedeutet Schuld.

Der humanitäre Grundsatz, anteilnehmend, unparteilich, neutral und unabhängig lebensrettende Hilfe zu leisten, hat die Arbeit dieser Organisationen über Jahrzehnte hinweg bestimmt. Viele haben sich Fürsprache und soziale Gerechtigkeit als grundlegende Prinzipien auf ihre Fahnen geschrieben. Evidenzbasierte Pandemiepläne haben humane und wertvolle Maßnahmen klar benannt und ebenso deutlich andere als schädlich oder wirkungslos verworfen, und die Notwendigkeit der Beachtung ethischer Grundsätze betont. 2020 wurden diese Prinzipien und Pläne schlagartig zugunsten eines totalitären Vorgehens aufgegeben, das von den Reichen des Westens getrieben ist und lokale Daten überging. Es ist ein neokolonialistisches Vorgehen, das die Reichen noch reicher macht. Jacks Familie rechnet jetzt damit, dass die Polizei an ihre Tür klopft und verlangt, dass sich mindestens ein Mitglied des Haushalts einer Impfung im Rahmen des „COVAX“-Programms der WHO unterzieht – deutlicher könnte die endgültige Preisgabe der Grundprinzipien der WHO hinsichtlich der Partizipation von Gemeinschaften in der Gesundheitsversorgung nicht sein.

Wem helfen diese Lockdownmaßnahmen? Nicht den vulnerablen Alten! Nicht ihren Kindern oder Enkeln! Sie alle brauchen zu essen, Zugang zu medizinischer Versorgung und müssen arbeiten, um ihre Zukunft zu gestalten. Die jetzt preisgegebenen Prinzipien der Wahlfreiheit und eines ganzheitlichen Begriffs von Gesundheit standen am Anfang der WHO und moderner humanitärer Hilfe. Um Glaubwürdigkeit und Vertrauen wiederzugewinnen, müssen alle, die für internationale Hilfsorganisationen tätig sind, sich auf ihr Gewissen besinnen und darauf, wofür sie stehen.

Panda ist eine multidisziplinäre Gruppe von Experten mit dem Ziel der Förderung offener Wissenschaft und Debatte. Das Ziel der Gruppe ist es, inkorrekte Wissenschaft durch „gute“ Wissenschaft zu ersetzen und eine dystopische „neue Normalität“ zu vermeiden. Weitere Informationen unter pandata.org und Twitter.

Photo von Fernando @cferdo auf Unsplash

Übersetzung: Sebastian Scholz

(1)um Repressalien für die Betroffenen zu vermeiden, wurden alle Namen geändert und Hinweise vermieden, die Rückschlüsse auf ihre Identität ermöglichen würden)

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