Matriarchat: vergessene Zeit des Friedens? Interview mit Doris Wolf

Anmerkung Bastian Barucker: Die Spurensuche nach Natürlichkeit stellt eine fragende Haltung dar. Auf meinem Blog möchte ich dieser Frage nach Natürlichkeit und Ursprünglichkeit Raum geben. Dabei proklamiere ich nicht, dass es nur eine Form von Natrürlichkeit gibt oder dass ich weiß, was Natürlichkeit bedeutet. Es ist, wie gesagt, eine Spurensuche mit ungewissem Ausgang. Im Zuge meine Recherchen zum großen Gesetz des Friedens, stieß ich immer wieder auf den Begriff des Matriarchats. Mein Interesse am steinzeitlichen Leben gilt auch dem gesellschaftlichen Zusammenleben und dem Wunsch nach einer friedvollen Welt. In vielen Büchern machte es den Anschein, dass es vor der “glorreichen” Zivilisierung des Homo Sapiens friedvollere Zeiten gab. Im Artikel “Zurück in die Steinzeit” von Kerstin Chavent stieß ich auf die Aussagen der Historikerin Doris Wolf. Sie hat sich intensiv mit matriarchalen Strukturen beschäftigt und war so freundlich mir ein paar Fragen diesbezüglich zu beantworten. Mir ist bei dieser Spurensuche wichtig, dass es nicht um Männerhass gehen sollte, sondern um das Erkennen destruktiver, wiederkehrender Muster, um diese abzulegen und zu überwinden. Ich hoffe also, dass sowohl Frauen als auch Männer sich ihrer Projektionen auf das andere Geschlecht bewusst werden können, so dass ein unvoreingenommener Dialog zum Thema Patriarchat und Matriarchat möglich ist. So könnte ein friedvolles Miteinander entstehen. Ich wünsche inspirierendes Lesen!


1. Was hat Sie auf Spurensuche gebracht und welche Zeitgeschichte haben Sie intensiv studiert?

Ein Zufall, ein kurzer Ferienaufenthalt in Ägypten weckte mein Interesse für die Geschichte dieses Landes. Jedoch war es eine 5000 Jahre alte Grabstele im Louvre, die als ›Stele des Königs Schlange‹ angeschrieben war, die mich wie ein Blitz traf. Ich erkannte intuitiv, hier stimmt ganz Wesentliches nicht. Das entzündete meine Neugier und meinen Forschergeist.

Ich begann mich mit der Zeit um 3000 – der Geschichte Ägyptens vor 5000 Jahren – zu befassen, und stellte fest, dass in dieser Zeit gravierende Veränderungen stattfanden; wie aus dem Nichts entstand in Ägypten das Königtum. Ich war erstaunt, dass sich die heutige Ägyptologie mit der Frage dieses auffallenden Umbruchs nicht befasst und sich ausschließlich für die Zeit danach, also für die geschichtliche Zeit, jene der Pharaonen, interessiert.

»Die ägyptische Vorge­schichtsfor­schung war und ist nicht popu­lär«, stellte schon die Literaturhistorikerin Heide Streiter-Buscher lakonisch fest.

Gerade darum ging es mir jedoch: um die Vor- bzw. Urgeschichte, um die Frage, was war vor den ersten Königen, was führte zum Umbruch, der in die berühmte Geschichte der späteren Pharaonen Ägyptens mündete, wie wir sie alle aus der Schule und den Büchern kennen. Nach 5 Jahren intensiven Forschens war dies das Thema meines ersten Buches: ›Was war vor den Pharaonen – Die Entdeckung der Urmütter Ägyptens‹, 1994 (Das vergriffene Buch kann als gratis-PDF heruntergeladen werden.)

Bei meiner Suche nach Zeugnissen aus der Zeit des Umbruchs stieß ich auf Artefakte von unglaublicher Brutalität und Gewalt, welche die Archäologie an den Tag gebracht hatte. Davon ist die Narmer-Palette das berühmteste Dokument. Auf den ersten Blick fällt auf, dass hier ein Mann mit eindeutig europäischen Zügen – in einem immerhin schwarzafrikanischen Land – der sich als gekrönter König darstellt, abgebildet wird. Und dass es offensichtlich um ein von ihm befohlenes Massaker geht. Enthauptete, kastrierte Männer liegen aufgereiht vor ihm. Die kühle wissenschaftliche Interpretation: Die ›Siegesfeier Narmers‹ (Wikipedia). (siehe Wolf Wer war Narmer?)

2. Was sind die Hauptqualitäten matriarchaler Strukturen?

Ich möchte vorausschicken, dass es mir keineswegs darum ging, etwas zu der mir schon damals in großen Zügen bekannten Gesellschaftsform des Matriarchats in Ägypten zu finden. Doch sobald wir in die Vor- und Urgeschichte eintauchen, stößt die Archäologie überall auf der Welt ganz automatisch auf matriarchale Gesellschaftsstrukturen; das ist sozusagen ›unvermeidlich‹ und wird gerade deshalb von der wissenschaftlichen Forschung gemieden!
Das Matriarchat war jene Zeit als Mütter ganz selbstverständlich das soziale Leben bestimmten. Das Leben organisierte sich um die Mütter.

Die wichtigste Kulturleistung des Matriarchats ist der Frieden, es gibt nichts Wichtigeres, nicht Wertvolleres als Frieden. Nach 5000 Jahren Krieg wissen wir das alle. Die Archäologie hat unterdessen bewiesen, dass es während 98 % der Menschheitsgeschichte, keine Kriege gab (Harald Meller bei ›Scobel‹ am 12.11.15) Die restlichen 2 % der Zeit des Homo Sapiens ist die Zeit der Kriege, d.h. die Zeit des Patriarchats. Auffallenderweise interessiert der Forschungsbefund des Landes-Archäologen von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, bis heute keinen Politiker und keine Politikerin, nicht die WissenschaftlerInnen und nicht den Klerus der Kirchen, nicht die Medien und was erstaunlich ist, auch nicht die Matriarchats-ForscherInnen.

Das zeigt, dass mit dem Patriarchat, nicht nur der Krieg, sondern auch die Lüge und das Verschweigen von Tatsachen in die Welt kamen. (Die Matriarchatsforschung beschränkt sich auf das Beschreiben alter und noch bestehender Matriarchate und auf einige Hypothesen zum Entstehen des Patriarchats. Patriarchats-Forschung und Patriarchats-Kritik, sind für sie kein Thema.)

Charakteristisch für matriarchale Werte sind zudem, die Gleichstellung der Geschlechter, die sexuelle Autonomie der Frau, Matrilinearität, also die mütterliche Verwandtschaftslinie, das Leben und Verbleiben aller Kinder im mütterlichen Clan und die Verehrung der Großen Göttin.

Bis vor 5000 Jahren gab es keinen männlichen Gott.

2. Wie kam es dazu, dass diese Strukturen größtenteils zerstört wurden und den meisten Menschen verborgen bleiben?

Zerstört wurden die friedlichen, unbewaffneten matriarchalen Kulturen durch die Eroberungskriege der Indo-Europäer und den arischen Priesterkasten, die sie begleiteten. Sie gierten nach Macht, Land, Reichtum und Einfluss. (s. Wolf ›Die Eroberer aus dem Norden‹ )

Wir leben heute im Patriarchat. Wir wissen nicht wie es dazu kam, weil die Tatsachen von den patriarchalen Wissenschaftlern, jenen, die es wissen und jenen, die es eigentlich wissen müssten, verheimlicht werden. Die Geschichte wurde von den Siegern, den Mächtigen und dem patriarchalen Klerus geschrieben. Sie wollen uns glauben machen, dass die Welt schon immer patriarchal war, dass Männer schon seit jeher die Welt regierten, dass das göttlich Verehrte schon immer ein männlicher Gott war und dass es Kriege gibt, seit die Welt besteht. Alles Lügen! Aber Lügen werden zu Wahrheiten, wenn sie oft und lange genug wiederholt werden. Darum steht es so in unseren Schulbüchern und so wird es unsere Lehrer gelehrt, die es also auch nicht besser wissen und das Unwissen und das falsch Gelernte an SchülerInnen und StudentInnen wieder weitergeben.

3. Sie schreiben, „Wenn wir etwas in dieser Welt verändern möchten, können, ja müssten wir aus der Geschichte lernen. Dafür müssen wir sie aber erst einmal kennenlernen. Wir müssen die Vergangenheit erforschen, müssen uns weiterbilden, müssen uns Wissen aneignen, nicht einfach glauben, was man uns erzählt, und das heißt in erster Linie lesen und lernen.“. Wir haben die meiste Zeit unserer Existenz als Kleingruppen in der Natur gelebt. Wie kommt es, dass die meiste Forschung sich auf die letzten 5000 Jahre bezieht und nicht auf die Zeit davor?

Die ganze Welt lebt heute im Patriarchat. In einer Welt patriarchaler Ideologie, die, wie gesagt vor 5000 Jahren erfunden wurde, als kriegerische Indo-Europäer die damals bekannte Welt überfielen, eroberten und die Macht an sich rissen. Wir wurden seither, während 5000 Jahren patriarchalisiert, d.h. indoktriniert, sozialisiert, reglementiert und kontrolliert; sozusagen ›gehirngewaschen‹. Wir haben uns so lange an diese verzerrte und einseitige Geschichtsschreibung gewöhnt, weil wir in einer auf Krieg und Gewalt ausgerichteten Welt leben, dass wir glauben, dass das normal und schon so sei, seit es Menschen gibt.

Erschreckend ist, dass wir tatsächlich nach 5000 Jahren noch immer in den gleichen patriarchalen Strukturen und Zwängen leben, die uns von den Machthabern, den damaligen Eroberern und ihrer patriarchalen Priesterkaste aufoktroyiert wurden. Diese Politik wurde erst in den letzten Jahrzehnten etwas ›verfeinert‹, dank der Medien, die den ganzen patriarchalen Gräuel, z.B. die Bilder aus den Kriegen, das Elend der Kinder, der Armut und des Hungers oder die sexuelle Gewalt an Kindern durch verlogenen Kleriker, die von der Kirche gedeckt und verschwiegen wurden, an den Tag brachten.

Doch nur wenig hat sich verändert. Man denke nur an die unaufhörlichen Kriege, die bis heute andauernden Kolonisierungen und Missionierungen, an Unterdrückung und Ausbeutung durch Autokraten, Theokraten und  Diktatoren, an Sklaverei, die noch heute von mächtigen Konzernen weißer Männer zur Ausbeutung der Arbeitskräfte der Ärmsten der Armen ohne jede Scham- und Schuldgefühle heimlich betrieben wird.

William Faulkner erkannte: »Die Vergangenheit ist nicht tot, sie noch nicht einmal vergangen.«

4. Was sind ihrer Meinung nach, die Hauptursachen für den desaströsen Zustand der westlichen Welt mit all den Kriegen, der Naturzerstörung, der Isolierung und aktueller totalitärer Strukturen?

Auf den Punkt gebracht, es ist die ungeheure, gnadenlose, gefühllose, Menschen verachtende Macht des Patriarchats, die noch immer von der gleichen skrupellosen Gier getrieben, die Welt in ihren ideologischen, materiellen, unsozialen, religiösen und Frauen feindlichen Ketten gefangen hält. Aber die patriarchale Macht scheint langsam Risse zu bekommen. Die Mächtigen haben unterdessen Angst, dass ihre Ideologie durchschaut und ihr Verhalten kritisiert wird und sie an Macht, Bewunderung, Ehre und Einfluss verlieren könnten.

Beispielhaft für mich war die unglaubliche Reaktion von Seiten der Ägyptologie auf mein erstes Buch (s. ›Der Backlash: Die Diffamierungen des Thomas Schneider‹ )

(Und gerade kürzlich bemerkte ich, was 2021, also 25 Jahre später, mit meinem 4. Buch bei Amazon passiert ist. Ich informierte darüber in einem Mail-Versand und schrieb:

Kein Witz! Die folgende unglaubliche Geschichte passierte mit meinem Buch ›Es reicht – 5000 Jahre Patriarchat sind genug‹. Nachdem das Buch von 5 LeserInnen positiv rezensiert und mit jeweils 5 Sternen bewertet worden war, fiel die Gesamtbewertung eines Tages auf magere 3 Sterne, verursacht durch eine einzige Bewertung mit nur einem Stern. Jedoch fehlte der Name oder das Pseudonym des Urhebers, auch gab es dazu keine Rezension. Eindeutig ein Ruf- und Verkaufsschädigendes Eingreifen von Amazon. Nachdem ich mich mehrmals bei Amazon beschwert hatte, gab man endlich zu, dass sie in die Bewertungen willkürlich eingreifen, wenn diese, das Buch selbst oder der Buchtitel ihren (patriarchalen) Ansprüchen nicht genehm sind.
Das mächtige Unternehmen, das seinen Namen ausgerechnet von den kämpferischen Amazonen abgekupfert hat, fürchtet das Buch einer Frau. Ich werte das als Erfolg für uns Frauen und unsere Macht, patriarchale Männer das Fürchten zu lehren.)

5. Inwiefern sind ihre Forschungen auch im Umgang mit dem Corona-Geschehen bedeutsam?
Darüber wird bereits genug gesagt und geschrieben. Ich überlege mir Dinge, die nicht schon in aller Munde sind.

6. Was wären praktische und umsetzbare Schritte, die Einzelpersonen und Gesellschaften machen könnten, um wieder zurück zu friedlicheren Zeiten zu finden?

Ich bin 83 Jahre alt, es geht nicht um meine Generation, sondern um die Zukunft der Welt der kommenden Generationen. Wir sind bisher durch 5000 Jahre patriarchale Herrschaft, durch ideologische und patriarchal-religiöse Indoktrinierung in unglaublichem Ausmaß betrogen und belogen, psychisch, moralisch geschwächt und intellektuell vergiftet worden. Auch die einmal starken Mütter wurden zwangs-patriarchalisiert, wurden entmächtigt, passten sich notgedrungen an, kontrollierten bisher, wie die Väter das wollten, Freiheit und Sexualleben ihrer Töchter und lassen zu, dass patriarchale Männer ihre Söhne zur und mit Gewalt erziehen.

Mütter schauen stumm und hilflos zu, wie Jungen schon im Kinderzimmer mit brutalen Kriegsvideospielen für kommende Kriege fit gemacht werden. Nicht zu vergessen: Mit den Gesetzen gegen Abtreibung werden Mütter auch gezwungen, gegen ihren Willen, Kinder für die Kriege, die ausschließlich den Interessen und Profiten mächtiger, weißer Männer dienen, zu gebären.

Kriege sind für die patriarchale Kriegslobby ›Big Business, sie macht mit Kriegen riesige Profite. Zudem macht der durch Ausbeutung der Drittweltländer im Westen erreichte Wohlstand viele von uns blind und gefühllos für Not und Elend, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeiten in der Welt.

Wir können uns jedoch von den Ketten der Männerherrschaft, die uns desensibilisiert hat, befreien. Wir können gegen die Zerstörung der Natur ankämpfen, die männergemachte Armut, den Hunger, das Elend, die exzessive Waffenproduktion und wir können die Kriege stoppen. Wir können uns von der Macht und der Last des Patriarchats befreien, indem wir uns aus der uns anästhesierenden Komfortzone der Bequemlichkeit und des Egoismus befreien und handeln.

Vorbilder und Gelegenheiten dazu haben wir genug. Jugendliche haben uns gezeigt, was möglich ist, haben uns mit ihrem Wissen und ihrem mutigen Einsatz gegen die Zerstörung ihrer zukünftigen Welt tief beeindruckt. Auch unzählige Frauen und Männer, allein oder in Gruppen, haben sich längst auf den Weg des Widerstands gemacht gegen die politische und religiöse Vereinnahmung, gegen die patriarchale Propaganda, die Beeinflussung, die Unterdrückung, die Ausbeutung, die unmenschliche Politik und Machtausübung der Herrschenden, gegen den Rassismus und den Frauenhass. Diesen Gruppen können wir uns anschließen, mitdenken, mitarbeiten an einer besseren, friedlicheren, solidarischeren, zukünftigen Welt. Aber wir müssen auch von den PolitikerInnen mehr Unterstützung und Schutz für Frauen fordern, d.h. mehr nicht-patriarchale Frauen und Männer in die Politik wählen.

»Wir müssen als Zivilisation nichts Neues lernen, um in Zukunft zu überleben, sondern uns nur an etwas Vergessenes erinnern«, schrieb die eminente Archäologin und Urgeschichtsforscherin Marija Gimbutas.

Wie sonst nirgends auf der Welt kann die Entstehung des unheilvollen Patriarchats und seine furchtbaren Konsequenzen in der nun aufgedeckten Ur-Geschichte Ägyptens eingesehen und verstanden werden. Aus dem, was wir verstehen, können wir lernen, was zu tun ist.

Webseite von Doris Wolf

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