Geburtshilfe: Die Entstehung einer arztabhängigen Gesellschaftalt

Die schottische Statistikprofessorin Marjorie Tew, die unter anderem Medizinstudenten unterrichtete, nahm sich als fachfremde Person in den 1990er Jahren der Evidenzlage geburtshilflicher Interventionen an. Da sie weder Hebamme noch Ärztin war, konnte sie unbefangen auf die rohen Daten zur Sinnhaftigkeit der medizinischen Geburtshilfe schauen. Was sie dabei herausfand war und ist eine Sensation, die jedoch im Verborgenen bleibt, weil sie Grundmaxime ärztlichen Handelns in Frage stellt. Ihr Buch “Sichere Geburt? – Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Geburtshilfe” erschien im Jahre 1998 und in deutscher Fassung 2007 und zeigt anhand statistischer Auswertungen verschiedener Länder, dass die Übernahme der Geburt durch die männlich dominierte Schulmedizin, samt all ihrer Werkzeuge und Geräte, keinen gesundheitlichen Vorteil für Mütter und Babys hatte.

Zusammenfassend schreibt sie:“Ein Blick in die Geschichte zeigt deutlich, dass geburtsmedizinische Interventionen in keinem Land und zu keinem Zeitpunkt in der jüngeren oder älteren Vergangenheit zu mehr Sicherheit in der Geburtshilfe beigetragen haben. Es gibt keine Belege, die die Theorie unterstützen, dass mithilfe naturwissenschaftlicher Forschung geburtshilfliche Maßnahmen hervorgebracht werden können, die den natürlichen Geburtsprozess verbessern.”

Folgend lesen Sie einen Auszug aus ihrem Buch, der beschreibt, wie sich Ärzte Zugang zur Geburtshilfe verschafften und diese bis zum heutigen Tag fast komplett übernommen haben. Aktuell finden über 98% aller Geburten in Deutschland in einem Krankenhaus statt, ohne dass es einen Beleg dafür gibt, dass das der Gesundheit von Mutter und Kind dient.


Die britische Gesellschaft hatte mit Anbruch der 1980er Jahre die Überzeugung verinnerlicht, dass die Geburt – das zentrale physiologische Ereignis zur Fortpflanzung der Menschheit – in einer medizinischen Einrichtung stattfinden sollte. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden die Kinder üblicherweise in der Wohnung der Familie geboren. In den frühen 1980er Jahren fanden lediglich noch 1% der Geburten in Großbritannien zu Hause statt. Es geschieht nicht oft, dass eine Gesellschaft so einhellig und in so kurzer Zeit einen so radikalen Umbruch vollzieht. Wie konnte es dazu kommen?

Großbritannien kann nicht von sich behaupten, Urheber dieses Entwicklung zu sein. In vielen Industrienationen hatte der Prozess früher begonnen und schritt schneller voran – mit der einzigen Ausnahme der Niederlande. Diese Veränderung setzte sich am schnellsten bei den europäischen Einwanderern in den USA und in den damaligen Kolonien des britischen Commonwealth Australien, Kanada, Neuseeland und Südafrika durch – Länder, in denen ein aufstrebender Berufsstand von Ärzten im Begriff war, sich zu etablieren. Noch lückenloser verlief diese tief greifende Umwälzung der Geburtshilfe in Ländern, in denen im Zuge politischer Revolutionen eine Verbesserung von sozialen und ökonomischen Zuständen durch Einführung von Planwirtschaft und unter der Aufsicht von Spezialisten erreicht werden sollte, wie dies insbesondere in den Ländern Osteuropas der Fall war. Planung und Kontrolle der geburtshilflichen Versorgung von Mutter und Kind wurde dort in die Hände medizinischer Spezialisten gelegt. In den 1980er Jahren waren Hausgeburten in diesen Ländern ebenso zur Ausnahme geworden wie in Großbritannien. Die Ursachen für diese Veränderung sind, wenngleich sehr komplex, in vielen unterschiedlichen Ländern die gleichen.

Zunächst wurden die Vorteile einer Geburt in jeglicher medizinischen Institution gegenüber der Hausgeburt gepriesen. Im Laufe der Zeit jedoch gewann die fachärztlich geleitete Geburtsklinik mit zunehmend besserer medizintechnischer Ausrüstung die Oberhand – auf Kosten kleinerer Kliniken mit geringerer technischer Ausstattung, in denen die Gebärenden von Allgemeinmedizinern und Hebammen betreut wurden. Im Jahr 1990 fanden in England und Wales nur noch 1,6% der Geburten in eigenständigen Einrichtungen unter der Leitung von Allgemeinmedizinern statt (General Practitioner Unit, GPU), im Vergleich zu noch 12% im Jahre 1969.

In vielen Ländern wird die stationäre Behandlung in drei Versorgungsstufen unterteilt: Die kleinsten, am wenigsten spezialisierten Einheiten bilden die unterste Stufe und entsprechen in etwa einer britischen GPU. Die oberste Stufe besteht aus hoch spezialisierten Kliniken, die eine den größten britischen Geburtskliniken vergleichbare Versorgung bieten. Die britischen Statistiken werden selten nach Versorgungsstufen der Krankenhäuser aufgeschlüsselt. Entsprechend lässt sich das jeweilige britische Äquivalent im Vergleich zu anderen Ländern nur schwer ausmachen.

Aber warum sollte eine Geburt überhaupt in einem Krankenhaus stattfinden? Ein Grund ist, dass Mediziner dort ihr technisches Können am besten einsetzen und die sich immer weiter entwickelnde Medizintechnik vorhalten können. Warum jedoch sind bei einer Geburt die technischen Fähigkeiten eines Arztes erforderlich? Die enorme Zunahme der Weltbevölkerung sollte doch eigentlich Beweis genug für die Fähigkeit des Menschen zur erfolgreichen Fortpflanzung sein. Und dies geschah über Jahrhunderte auf der ganzen Welt, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, ohne Hilfe von Ärzten oder Krankenhäusern. Unter günstigen Umweltbedingungen können sich Tierarten ebenfalls erfolgreich ohne medizinische Hilfe vermehren. Könnte dies, unter entsprechenden günstigen Bedingungen, nicht genauso für die Menschen gelten?

Offensichtlich hat unsere Zivilisation häufig keine ausreichend günstigen Rahmenbedingungen geschaffen – mit der Folge, dass die natürlichen Instinkte der menschlichen Mütter unterdrückt und ihr Fortpflanzungssystem seiner ursprünglichen Kompetenz beraubt wurden. Davon abgesehen, war die menschliche Fortpflanzung zwar zahlenmäßig erfolgreich, jedoch gab es auf dem Weg viele ›Unglücksfälle‹. Dies bedeutete für die betroffenen Familien jeweils großes Leid. Darüber hinaus führte es zur Verunsicherung von Gesellschaften und Staaten, die sich in ihrem Fortbestand von einem kontinuierlichen Nachschub an gesundem Nachwuchs abhängig fühlen, der zu leistungsfähigen Bürgern oder kräftigen Soldaten heranwächst. So teilen sowohl Gesellschaften als auch Individuen das gemeinsame Bemühen, jede Form von Hilfe anzunehmen, die dazu beiträgt, die ›Unfallquote‹ bei der menschlichen Reproduktion zu verringern.

Jede Kultur hat ihre eigenen Medizinmänner, die für die Probleme im Zusammenhang mit Krankheit und Tod zuständig sind. Westliche Kulturen verlassen sich dabei auf ihre akademisch ausgebildeten Ärzte, und in den letzten zweihundert Jahren ist das Vertrauen in sie stetig gewachsen. Heilung war auf einmal nicht mehr von Mystik, Magie oder Glauben abhängig – jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Der Geist des naturwissenschaftlichen Forscherdrangs, der sich im 18. Jahrhundert besonders rege entwickelte, führte zu größerem Verständnis der Anatomie und Physiologie sowie der Krankheiten des menschlichen Körpers. Mit dem Verstehen von Krankheitsursachen war der erste Schritt getan, die Krankheit zu überleben, weil Methoden entwickelt werden konnten, sie zu verhüten oder zu heilen. Es dauerte allerdings noch lange, bis die medizinische Wissenschaft wirksame Behandlungsmethoden für die häufigsten tödlichen Krankheiten finden konnte.

In England wuchs die Bevölkerung im 19. Jahrhundert trotz hoher Sterblichkeitsziffern in allen Altersgruppen sehr schnell, ebenso wie in anderen Industrieländern. Die hohe Mortalität gab sowohl individuell wie auch gesamtgesellschaftlich Anlass zu Besorgnis. Auf politischer Ebene war sie Anlass für die Einführung der gesetzlichen Verpflichtung im Jahre 1837, alle Todesfälle unter Angabe von Alter und Geschlecht zu melden. Lebendgeburten wurden ebenfalls registriert, allerdings wurde die Meldung erst ab 1874 gesetzlich vorgeschrieben. Die gesammelten Daten wurden mit den Ergebnissen der Volkszählung abgeglichen, die seit 1841 alle zehn Jahre durchgeführt wurde. Auf diese Weise konnten nun Verläufe von Mortalitätsraten beschrieben und Trends erkannt werden. Diese Daten wurden – häufig mit Kommentaren versehen – bis 1973 in der jährlichen Bevölkerungsstatistik von England und Wales (1) veröffentlicht, danach in amtlichen Veröffentlichungen des Office of Population Censuses and Surveys (2,3).

Im 19. Jahrhundert fanden umwälzende Veränderungen der Arbeits- und Lebenswelt statt. Die zunehmende Industrialisierung führte zu stärkerer Umweltverschmutzung, brachte aber gleichzeitig auch mehr Arbeitsplätze und höhere Löhne. Die ungesunden Lebens- und Arbeitsbedingungen wurden im Großen und Ganzen dadurch ausgeglichen, dass die Menschen sich mehr Nahrung und Kleidung leisten konnten. Das Nahrungsmittelangebot wurde durch die steigende Produktion der landwirtschaftlichen Betriebe sowohl in Europa als auch in Übersee günstiger, reichhaltiger und abwechslungsreicher. In den Städten wurden beachtliche Anstrengungen unternommen, die Bevölkerung mit sauberem Wasser zu versorgen sowie die Abfallentsorgung sicherzustellen.

Bis 1870 blieben die Sterblichkeitsraten hoch, danach ist ein sehr deutliches und anhaltendes Absinken zu beobachten. Die Bevölkerung war dankbar und bereit, der Ärzteschaft den Verdienst für diese Verbesserung zuzuschreiben, und diese sah keinen Anlass, dieses Lob zurückzuweisen. Im Gegenteil: Die Ärzte genossen den Prestigezuwachs.

Tatsächlich gebührte diese Ehre jedoch nicht der Ärzteschaft, wie epidemiologische Studien, in denen die Auswirkungen der Behandlung von Krankheiten auf ganze Bevölkerungsgruppen untersucht werden, später ergeben sollten (4). Der massive Rückgang der Sterblichkeitszahlen war nicht die Folge lebensrettender medizinischer Behandlungsmethoden, sondern das Ergebnis der Auswirkungen nicht-medizinischer Entwicklungen. Die häufigsten Todesursachen waren in dieser Zeit Infektionskrankheiten wie Cholera und Tuberkulose. Der Hauptgrund für die sinkenden Mortalitätsraten war der Rückgang an Todesfällen durch diese Krankheiten. Durch die Entdeckungen von Ärzten und Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts wie Edward Jenner, Louis Pasteur, Robert Koch und anderen waren zahlreiche Erkenntnisse über die Ursachen und Ansteckungswege von Infektionskrankheiten gewonnen geworden. Wirksame Behandlungsmethoden wurden allerdings erst mehr als 60 Jahre nach dem Beginn des deutlichen Rückgangs der Sterblichkeit gefunden. Zwar war die Pockenimpfung bereits im 19. Jahrhundert verfügbar, und seit Beginn des 20. Jahrhundert stand ein Mittel gegen Diphtherie zur Verfügung, beide Erkrankungen waren jedoch nur für einen relativ kleinen Teil der Todesfälle durch Infektionskrankheiten verantwortlich. Als schließlich Antibiotika wie Sulfonamide, Penicillin und Streptomycin zur Behandlung bestimmter Infektionskrankheiten zur Verfügung standen und Impfungen zur Prävention dieser Erkrankungen entwickelt worden waren, zählten sie schon längst nicht mehr zu den häufigsten Todesursachen. Die Zahl der durch diese Krankheiten hervorgerufenen Todesfälle war bereits seit 1870 deutlich und stetig zurückgegangen und wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch ohne die neuen Behandlungsmethoden – so sehr diese auch begrüßt wurden – weiter gesunken.

Der Ausgang einer Infektionskrankheit hängt einerseits vom Verhältnis zwischen Verbreitungsgrad und Virulenz der Erreger und andererseits von den Abwehrkräften des betroffenen Menschen ab. Durch den Ausbau der sanitären Infrastruktur in den Städten wurde die Ausbreitung der Krankheitserreger massiv reduziert. Bessere Ernährung und Lebensbedingungen stärkten das Immunsystem. Das Gleichgewicht verschob sich, sodass die Menschen allmählich den Wettkampf um den Ausgang der Krankheit gewinnen konnten. Die größere Widerstandskraft gegenüber Infektionskrankheiten, einschließlich der Tuberkulose, spiegelte sich in der rasch sinkenden Zahl der Todesfälle durch diese Krankheiten in allen Altersgruppen wider. Diese Veränderungen geschahen, bevor die Fortschritte der Medizin greifen und einen echten Beitrag zur Behandlung oder Verhütung dieser Krankheiten leisten konnten. Die einzige Ausnahme stellt die Pockenimpfung dar. Die Analyse der zeitlichen Abfolge dieser historischen Tatsachen veranlasste den Epidemiologen Professor Tom McKeown (4) im Jahre 1965 zu der Schlussfolgerung:

»Wir verdanken die Verbesserung unserer Gesundheit nicht der Behandlung von Krankheiten, sondern hauptsächlich der Tatsache, dass wir erst gar nicht mehr so oft krank werden. Und wir bleiben gesund, nicht etwa dank spezieller vorbeugender Maßnahmen wie Impfungen, sondern weil wir einen höheren Lebensstandard haben und in einer gesünderen Umgebung leben.«

Frühere Untersuchungen in Australien hatten zu demselben Ergebnis geführt. Die Verbesserungen infolge von Bemühungen um öffentliche Gesundheitsförderung, Ernährung und andere Lebensbedingungen haben sich in der Bekämpfung von Infektionskrankheiten und Senkung der Säuglingssterblichkeit als wirksamer erwiesen als Impfungen und Behandlungen mit Immunglobulinen, die seit den 1930er Jahren zur Verfügung standen (5). Es kann als gesichert gelten, dass die Gründe für das gleichzeitige Sinken der Mortalitätsraten anderer Industrieländer in diesem Zeitraum dieselben waren.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben sich die häufigsten Todesursachen geändert. Es wurden für etliche Krankheiten effektive und zum Teil spektakuläre Heilmethoden entwickelt, und die Sterblichkeit auf Grund dieser Erkrankungen ist entsprechend gesunken. Es gilt jedoch nach wie vor, dass der allgemeine Gesundheitszustand einer Bevölkerung vor allem dadurch bestimmt wird, dass Menschen auf Grund einer gesunden Lebensweise und dadurch gestärkten Abwehrkraft gar nicht erst erkranken, und weniger durch verfügbare medizinische Behandlungsmethoden oder Impfungen [Kapitel 9, S. 504-505].

Diese Erklärung für den Rückgang der Sterblichkeit, aufgedeckt durch epidemiologische Analysen in den 1950er und 1960er Jahren, wurde nicht zuletzt von Seiten der Mediziner mit allgemeiner Überraschung und Skepsis aufgenommen. Dies zeigt, wie tief der weit verbreitete Irrglaube an die Macht der Ärzte in den Menschen verwurzelt war. Dass sich daran nicht viel geändert hat, ist die Folge einer allgemeinen Fehlinformation der Öffentlichkeit. Die­se wird einerseits durch die Ärzteschaft selbst vorangetrieben, die letztlich mehr von der Behandlung als von der Verhütung von Krankheiten profitiert, und andererseits durch die Öffentlichkeit selbst. Denn möglicherweise ist es für das Sicherheitsbedürfnis von Menschen sogar wichtig, im Umgang mit ihrer eigenen Verletzlichkeit die Kräfte derjenigen zu überschätzen, an die sie sich wenden, wenn eine Krankheit nicht verhindert werden konnte. Bei einem solch fehlgeleiteten Verständnis von Gesundheit und Krankheit ist es nachvollziehbar, dass eine Gesellschaft der Meinung ist, dass potenzielle Probleme im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt – auch wenn diese keine Krankheit darstellen – dennoch besser durch medizinische Interventionen als durch gesunde Umweltbedingungen und Lebensführung beeinflussbar sind. Und da der Wohlstand der geburtshilflich tätigen Ärzte wesentlich von diesem Glauben abhängt, ist es nicht verwunderlich, dass sie sich große Mühe geben, ihn zu verbreiten.


Aus: Sichere Geburt? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Geburtshilfe. Tew, Marjorie, 4. Auflage 2022

Abdruck des Textauszugs mit Genehmigung vom Mabuse-Verlag © der deutschen Ausgabe Mabuse-Verlag, 2007, www.mabuse-verlag.de

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