Corona-Interview mit Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin Prof., Dr. Günter Kampf

Prof., Dr. Günter Kampf hat ein Buch bezüglich der Nutzen und Risiken der Corona-Maßnahmen verfaßt. Es behandelt viele wichtige Aspekte des Corona-Geschehens auf fundierte Art und Weise. Es ist, neben all den emotional aufgeladenen Corona-Diskussionen, ein wertvoller Beitrag zu einer faktenbasierten Analyse. Auf meine Anfrage hin hat sich Dr. Kampf bereit erklärt mir ein Paar Fragen bezüglich Corona zu beantworten. Ich danke Herr Kampf für die Beantwortung meiner Fragen und lade Sie ein, diese zu lesen und empfehlen Ihnen bei weitergehendem Interesse die Lektüre seines Buches.

Persönliches

1. Was hat sie dazu bewogen dieses Buch zu schreiben und zu veröffentlichen?

Die Motivation zu diesem Buch bestand in dem Wunsch, mir ein eigenes Bild von den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Wirkungsgrad der verschiedenen Maßnahmen zu machen, mit denen wir alle im Alltag konfrontiert sind. Ich wollte besser verstehen, welcher gesundheitliche Nutzen von ihnen zu erwarten ist und was man dazu weiß. Und später wurde ich durch einzelne Schicksale im persönlichen Umfeld immer mehr mit den negativen gesundheitlichen Folgen einzelner Maßnahmen konfrontiert, was meine wissenschaftliche Neugier zu diesem Aspekt weckte.

2. Wie haben Sie persönlich das letzte Jahr erlebt?

Sehr durchwachsen. Zum einen erlebe ich bei mir und inzwischen auch vielen anderen eine zunehmende Themenmüdigkeit. Das monothematische mediale Dauerfeuer ist für immer weniger Menschen noch zu ertragen. Zu meinem großen Bedauern beobachte ich eine zunehmende Entfremdung zwischen Menschen, die unterschiedliche Standpunkte zu diesem Thema vertreten. Das Zuhören sowie das Stehenlassen anderer Meinungen ist schwieriger geworden. Diese Spaltung geht durch Freundschaften und Familien. Und ich beobachte leider auch immer mehr Menschen, die gesundheitlich unter den Folgen der Maßnahmen leiden, z. B. durch ausgesetzte notwendige Behandlungen mit allen negativen Folgen für die Prognose. Diese Menschen und ihre Schicksale scheinen im toten Winkel von Politik und Medien zu sein.

3. Wie empfinden Sie den Debattenraum rund um Corona?

Bedauerlicherweise insgesamt eingeengt. Auch im Dialog mit langjährigen geschätzten Kollegen wird deutlich, dass es zu einer Polarisierung gekommen ist und es teilweise in der Folge kaum mehr möglich ist, auf sachlicher Basis einen Konsens zu einer der Fragestellungen im Zusammenhang mit COVID-19 zu erzielen.

Fachliches

1. Inwiefern ist sars-cov2 wirklich “neu” und wie viele Menschen sind bereits aufgrund von Kreuzimmunität immun?

Coronaviren sind seit 1968 bekannt, SARS-CoV-2 als eines von vielen Coronaviren seit Anfang des Jahres 2020. Wie viele Menschen tatsächlich immun sind, ist schwer zu sagen, denn auch Geimpfte können noch immer erkranken, wenn auch seltener und meist mit einem weniger schweren Verlauf. Es gibt jedoch Hinweise aus Studien mit Menschen, die zuvor keinen Kontakt mit SARS-CoV-2 hatten. Hier fanden sich je nach Studie in 20% bis 50% der Menschen eine Reaktion bestimmter Abwehrzellen auf SARS-CoV-2 (T-Zellen). Dies beweist noch keine Immunität, deutet jedoch darauf hin, dass die T-Zellen dieser Menschen bereits Kontakt mit Teilen des SARS-CoV-2 hatten, die auch auf anderen Coronaviren zu finden sind.

2. Wie tödlich (IFR) ist sars-cov2 für die allgemeine Bevölkerung in Deutschland?

Die veröffentlichten Daten aus Gangelt zeigen eine Infection-fatality-rate (IFR) von 0,35%, weltweit wurde sie auf Basis von 61 Studien und 8 vorläufigen nationalen Schätzungen mit 0,27% angegeben.

3. Wie evidenzbasiert sind Maßnahmen, die sich auf gesunde bzw. asymptomatische Personen beziehen. Also ist eine Transmission durch gesunde Menschen signifikanter Teil des Infektionsgeschehens?

Hier gilt es vor allem den zeitlichen Verlauf zu beachten. Wenn zum Zeitpunkt der Probennahme die Person keine Symptome aufweist, kann es durchaus sein, dass sich in den nächsten Tagen noch Symptome entwickeln. Deshalb gilt also die Kombination „positiver Test“ und „keine Symptome“ nur für diesen Zeitpunkt als asymptomatisch und kann sich im Verlauf als präsymptomatisch erweisen. Wahrscheinlich ist es darüber hinaus sinnvoll, den Ct-Wert in die Bewertung einzubeziehen, vor allem, wenn dieser hoch ist (beispielsweise > 35), was auf eine niedrige und somit unbedeutende Viruslast hindeutet. Und dann gibt es noch die Menschen, die bereits mit dem Virus zu tun hatten und über einen längeren Zeitraum die RNA in den Atemwegen aufweisen. Das kann bis zu Monaten andauern, ohne dass dieser Nachweis einen Krankheitswert oder einen Einfluss auf das Übertragungsgeschehen hat. Und dann gibt es Fälle, die nach dem wiederholten RNA-Nachweis wieder Symptome wie persistierenden Schnupfen oder Halsschmerzen entwickeln. Deshalb bleibt hier nach meiner Einschätzung eine Unschärfe bestehen, was die infektiologische Bewertung asymptomatischer COVID-19-Fälle betrifft.

4. Inwiefern ist die Formulierung von Medien und Behörden richtig, wenn sie einen positiven Test mit einer Infektion (vermehrungsfähiger Agens) gleichsetzen?

In zahlreichen Medien wird leider immer wieder von der täglichen Zahl der Neuinfektionen gesprochen. Ich halte diese Formulierung für irreführend. Das Wort „Infektion“ suggeriert eine Krankheit mit Symptomen, doch die offizielle COVID-19 Falldefinition beinhaltet lediglich den Nachweis der RNA aus den oberen Atemwegen, unabhängig davon, ob Symptome vorliegen oder nicht. Das RKI ist hier genauer und spricht deshalb von „Fällen“, nicht einmal von „neuen Fällen“. Denn man weiß, dass durchaus mehrere positive Tests bei derselben Person innerhalb von Wochen gefunden werden können, so dass ziemlich sicher nicht alle „Fälle“ auch automatisch „neue Fälle“ sind.

5. In welchen Situationen erachten sie das Tragen von Masken im öffentlichen Raum als sinnvoll und wenn dann welche?

Im Rahmen der Pandemie halte ich das Tragen von Masken im öffentlichen Raum für sinnvoll, wenn eine Person selbst Symptome einer Atemweginfektion aufweist und mit anderen Menschen Kontakt hat. Das dient dann primär dem Schutz der Anderen. Es kann auch sinnvoll sein, wenn ich als Patient aufgrund der Vorerkrankungen überproportional gefährdet bin, einen schweren Verlauf von COVID-19 zu erleiden (Selbstschutz). In diesen Fällen bietet es sich aus meiner Sicht an, qualitätsgesicherte Produkte mit einer definierten und in der Regel geprüften Filtrationsleistung anzuwenden wie beispielsweise OP-Masken.

6. Hat der Lock-Down in Deutschland mehr geschadet als genützt?

Die Frage kann man, glaube ich, zurzeit nicht abschließend beantworten. Ein Schaden ist an einigen Stellen auf jeden Fall zu sehen, sei es als Schaden in der Versorgung verschiedener akut behandlungsbedürftiger Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebsverdacht (Stichwort: „zuhause bleiben“) und als Schaden in der Bildung und Sozialisierung der Kinder. Wenn ich aus Österreich lese, dass inzwischen 16% der Schulkinder suizidale Gedanken haben, dann kann hier guten Gewissens von einem erheblichen Schaden gesprochen werden. Ob der harte Lockdown als Ergänzung zu der Gesamtheit aller anderen Maßnahmen (Abstandgebot, Kontakteinschränkungen, Maskenpflicht) tatsächlich einen gesundheitlichen Nutzen hatte, ist auf Basis verschiedener internationaler Studien ziemlich zweifelhaft. Eine Auswertung aus England zeigt, dass dort der Schaden den Nutzen deutlich überwiegt. Ob das in Deutschland auch der Fall ist, wird man vermutlich erst sorgfältig herausfinden müssen.

7. Welche Parameter würden sie nutzen, um den Infektionsverlauf von sars-cov2 zu messen, um eine Überstrapazierung des Gesundheitssystems zu verhindern?

Wenn vermieden werden soll, dass das Gesundheitssystem zu sehr strapaziert wird, sollte die tatsächliche Belastung des Gesundheitssystems gemessen werden, was bezüglich der Intensivbettenkapazitäten bereits seit Monaten gemacht wird.

8. Wie sicher erachten Sie die Biontech und die Astranzeneca-Impfung und für wen macht sie Sinn?

Die Mehrzahl der Nebenwirkungen nach Gabe dieser beiden Impfstoffe, die in den Phase III Studien beschrieben wurden, sind leicht oder mäßig und in der Regel nach wenigen Tagen verschwunden, auch wenn sie bei der großen Mehrzahl der Studienteilnehmer aufgetreten sind. Doch es gab auch schwere Nebenwirkungen wie hohes Fieber mit mehr als 40°C oder schwere Muskel- und Gliederschmerzen bzw. Schüttelfrost. Das sind die Nebenwirkungen, die während der Beobachtung im Verlauf der Studie notiert wurden. Doch Daten zur Sicherheit aus Langzeitstudien können ja noch nicht vorliegen. So macht auch die Schweizer Zulassungsbehörde keinen Hehl daraus, dass die klinische Datenlage beim ersten Antrag auf Zulassung unvollständig ist, was in der Folge für den Impfstoff von BioNTech nur zu einer befristeten Zulassung unter Auflagen geführt hat und für den Impfstoff von Astrazeneca zu einer Ablehnung des Zulassungsantrags. In Anbetracht eines völlig neuen Impfstofftyps wäre die Sicherheit für den Anwender sicher größer, wenn man auch Erkenntnisse aus Langzeitstudien hätte. Das zeigen einzelne historische Beispiele wie mit dem Polioimpfstoff in den 50er Jahren in den USA und mit Pandemrix in 2009.

Eine Impfung macht aus meiner Sicht für all die Menschen Sinn, die überdurchschnittlich gefährdet sind, aufgrund von Vorerkrankungen oder des Lebensalters einen schweren oder gar tödlichen Krankheitsverlauf zu erleiden. Sie kann auch für die Menschen sinnvoll sein, die aus beruflichen Gründen viel direkten Kontakt mit COVID-19 Patienten zu tun haben. Diese Abwägung kann vermutlich der Hausarzt am besten vornehmen. Für alle anderen sollten Nutzen und Risiken der Impfung auf individueller Basis sorgfältig abgewogen werden.

9. Was ist ihr Appell an Regierende für den kommenden Frühling und Sommer?

Ein Appell ist, für alle beschlossenen Maßnahmen vorab auf Basis ALLER vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse interdisziplinär und sorgfältig abzuwägen, ob der gesundheitliche erwartbare Nutzen einer Maßnahme den erwartbaren gesundheitlichen und gesellschaftlichen Schaden in relevantem Umfang übersteigt. Nur dann kann diese Maßnahme guten Gewissens vertreten werden. Ein zweiter Appell ist, in Beschlussvorlagen auf den Begriff „keine Alternativen“ zu verzichten. Ich empfinde diese zwei Worte als Ausdruck politischer und intellektueller Fantasielosigkeit, da es immer Alternativen im Planen und Handeln gibt.

Das Buch

Zahlreiche Maßnahmen wurden im Rahmen der COVID-19-Pandemie in Deutschland verhängt. In diesem Sachbuch wird beschrieben, in welchen Körpersekreten infektiöses SARS-Coronavirus-2 nachweisbar ist, welche Erkenntnisse zu Übertragungswegen vorliegen und welche Menschen bzw. Berufsgruppen besonders gefährdet sind. Es werden Maßnahmen wie das Anlegen einer Mund-Nasen-Bedeckung, das Abstand halten, die Desinfektion von Flächen, der Lockdown sowie die Impfung auf wissenschaftlicher Basis bewertet. Wie gut können durch sie die Übertragung des SARS-CoV-2 verhindert werden? Welche Risiken sind mit ihnen assoziiert und welche gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen können sie haben? Anhand von typischen Lebenssituationen wie dem Einkaufen wird erläutert, wie wahrscheinlich eine Übertragung zwischen Menschen ist und welche Faktoren die Übertragung begünstigen. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass nicht von jeder Maßnahme ein Gesundheitsnutzen zu erwarten ist. Im Gegenteil: einige von ihnen können sogar mit relevanten Risiken und gravierenden gesundheitlichen Folgen verbunden sein.https://tredition.de/autoren/guenter-kampf-36426/corona-massnahmen-nutzen-risiken-und-folgen-paperback-150845/

Der Autor

Prof., Dr. Günter Kampf ist selbstständiger Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin in Hamburg sowie außerplanmäßiger Professor an der Universität Greifswald. Er hat mehr als 200 wissenschaftliche Veröffentlichungen in meist internationalen Fachzeitschriften, 44 Buchkapitel sowie vier Fachbücher veröffentlicht. Die bisherigen wissenschaftlichen Themenschwerpunkte sind verschiedene Aspekte der Händehygiene, Flächendesinfektion sowie die Resistenzbildung gegenüber Wirkstoffen in Desinfektionsmitteln.

Seine Webseite: https://www.guenter-kampf-hygiene.de/

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