Offener Brief zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozalismus

An die Gesellschaft für Erziehung und Wissenschaft & den Verband Bildung und Erziehung,

z.Hd. Herrn Udo Beckmann (Bundesvorsitzender VBE)

z.Hd. Frau Maike Finnern (Vorstandsvorsitzende GEW)


Sehr geehrte Damen und Herren von GEW und VBE,

heute las ich den Artikel “Holocaust-Leugnung und Verzerrung bekämpfen” der GEW bzgl. des „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ vom 26. Januar 2022. Dabei sind mir zwei Passagen besonders aufgefallen, zu denen ich sowohl Anfragen als auch Kommentare habe.

Die für mich wichtigsten Passagen der Absätze sind von mir fett markiert.

Mit großer Sorge sehen die beiden Bildungsgewerkschaften, dass antisemitische Verschwörungstheorien erstarken und sich zunehmend verbreiten. Die Corona-Proteste offenbarten ein erschreckend hohes Maß an Geschichtsvergessenheit und -verharmlosung, wenn Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich mit Opfern und Verfolgten des Nationalsozialismus gleichsetzen oder sich zu Widerstandskämpfern gegen eine Diktatur erklären.“

Der VBE Bundesvorsitzende Udo Beckmann machte deutlich: „Nach wie vor nehmen wir ein weiteres Erstarken antidemokratischer Kräfte im rechten politischen Spektrum wahr. Sogenannte Querdenker und Reichsbürger bedienen sich einer immer diffuseren Rhetorik und versuchen, alte Ressentiments im neuen Gewand wieder aufleben zu lassen. … Es ist die Pflicht einer jeden demokratischen Gesellschaft, die unmenschlichen Verbrechen des Nationalsozialismus niemals in Vergessenheit geraten zu lassen und alles Erdenkliche zu tun, dass sich dieses Unrecht nicht wiederholt. Bildung ist aus unserer Sicht ein, wenn nicht der entscheidende Baustein gegen das Vergessen.“ (1)

Da ich über Ihren Aufruf gerne berichten möchte, habe ich folgende Fragen:

1. Inwiefern hat die GEW oder die VBE Dialogveranstaltungen durchgeführt oder Versuche unternommen, um die Menschen zu verstehen, die seit fast 2 Jahren im bundesweit für eine verhältnismäßige Corona-Politik auf die Straße gehen? Aktuell sind es, vorsichtig geschätzt, mehr als 380.000 Menschen.(4)

2. Was haben GEW und VBE getan, um ihre sehr drastische Einschätzung der Protestler auf eine solide Faktenbasis zu stellen?

Eine Begründung ihrer Pauschalverurteilung der Demonstrierenden scheint besonders im Lichte der Einschätzungen des BKA zu den Demos von enormer Wichtigkeit: “Man habe auf den großen Querdenken-Demos zum Teil zwar gewaltbereite Rechtsextremisten registriert, die Teilnahme von Reichsbürgern sei „anzunehmen“. Aber: Die Beteiligung rechter Gruppen und Strömungen sei „nicht prägender Natur”. Eine Beeinflussung beziehungsweise Unterwanderung durch die rechte Szene könne „aktuell nicht konstatiert werden.“ (1)

Außerdem geht aus einer Baseler Studie hervor, dass die sogenannten „Querdenker“ nicht mehrheitlich aus dem rechten politischen Milieu kommen, sondern eher aus linken und grünen Wählern bestehen.

Bei der letzten Bundestagswahl in Deutschland haben 18% die Linke und 23% die Grünen gewählt. Der AfD haben 15% ihre Stimme gegeben, bei der nächsten Bundestagswahl wären es allerdings rund 27%.“(3)

Bitte nehmen Sie zusätzlich diese „Gemeinsame Erklärung von Nachfahren deutscher Widerstandsfamilien zu den friedlichen Spaziergängen 2022“ zur Kenntnis. Die besagt unter anderem: „Demokratie lebt von Meinungsvielfalt. Gerade auch jetzt, Januar/Februar 2022. Mit ein Grund dafür, dass mehrere heutige Mitglieder von Familien, deren Angehörige teils während der Nazi-Zeit Widerstand gegen das Hitler-Regime leisteten,, die “Spaziergänge” in Hunderten deutscher Orte, Januar 2022, sehr begrüßen.“ (6)

2. Mein Kommentar

Ich habe seit April 2020 Dutzende Dialogveranstaltungen, Demos und Aufzüge für eine verhältnismäßige Corona-Politik (5) organisiert, besucht und filmisch festgehalten. Daher weiß ich, dass das von Ihnen beschriebene, sehr verurteilende Bild nicht der Wahrheit entspricht. Minderheiten zu stigmatisieren und durch aggressive Wortwahl aus der Gesellschaft ausschließen zu wollen, waren Teile der schrecklichen Verbrechen der NS-Zeit. Die aktuellen Verhältnisse in Gänze mit der NS-Zeit zu vergleichen, halte auch ich für unangemessen. Jedoch gilt es aufgrund unserer Geschichte besonders wachsam zu sein, wenn ein gesellschaftliches Klima entsteht, in dem eine Menschengruppe verbal ausgegrenzt und als antidemokratisch beschrieben wird, ohne aktiv den Dialog mit ihr zu suchen. Das wäre ein Vorgang der Diskriminierung und damit antidemokratisch.

Da Sie so pauschal über die Demonstrierenden urteilen, urteilen Sie auch über mich und deuten an, dass ich als Teilnehmer dieser Demos an Geschichtsvergessenheit leide. Deshalb möchte ich Ihnen davon erzählen, dass meine eigene Großmutter die Verbrechen der NS-Zeit persönlich erlebt hat. Sie ist als Mädchen barfuß durch den Schnee geflüchtet auf der Suche nach ihren verschollenen Eltern. Ich habe ihr stundenlang zugehört und mich von ihren Worten im Herzen berühren lassen. Ich habe mit ihr geweint und verstanden, wie schrecklich es für sie gewesen sein muss. Ich wollte ihre Geschichte verstehen, damit ich meinen eigenen Kindern davon erzählen kann. Sie sollen wissen, dass eine Gesellschaft zu Massenbewegungen fähig ist, in welchen Würde, Menschlichkeit und Mitgefühl fast völlig abhanden kommen. Sie sollen verstehen, dass es vor allem blinder Gehorsam, Autoritätsglauben, fehlendes Mitgefühl und ein Klima der Angst und Hoffnungslosigkeit waren, die diese schlimmen Zeiten möglich gemacht haben. Fast jedes Mal endeten die Erzählungen meiner Großmutter mit Tränen und den Worten, dass es nie wieder Krieg geben darf. Und genau diese Botschaft gebe ich auch meinem Kind weiter, denn es ist eine der wichtigsten Botschaften, die es auf dieser Welt gibt.

Vielleicht nehmen Sie sich das nächste Mal ein wenig Zeit, bevor Sie über eine große Gruppe von Menschen pauschal urteilen, ohne sie zu kennen oder mit ihnen gesprochen zu haben. Würden Sie mir von Angesicht zu Angesicht sagen, dass ich ein „erschreckend hohes Maß an Geschichtsvergessenheit“ aufweise?

Ich schlage vor, dass wir uns zu einem Dialog treffen und darüber sprechen, wie wir mithilfe von Bildung unserer Gesellschaft dahingehend dienen können, sie friedvoller und menschlicher werden zu lassen. Lassen Sie uns auch gerne über die Demonstrationen reden und was die Menschen dort bewegt. Bildung passiert durch Erfahrung. Erfahrung geschieht in Begegnung. Begegnung fördert Beziehung und Verständnis. Verständnis ist die Grundlage für gegenseitigen Respekt und Achtung. Das sind unersetzbare Bestandteile einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft.

Ich freue mich auf eine Antwort von Ihnen.

Mit den besten Grüßen

Bastian Barucker, Pädagoge seit 2006, Vater und ehemaliger Lehrbeauftragter

Quellen

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