Aus der Praxis: Lehren oder Lernen? – Das ist hier die Frage

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Jedes Jahr leite ich an einer privaten Hochschule das Projekt Wildnispädagogik. Angehende Erzieher*innen, die sich in Ausbildung befinden, gehen mit mir gemeinsam einige Tage in den Wald und lernen Grundlagen, um sich draußen zu Hause zu fühlen. Über mehrere Wochen verteilt, treffen in uns in einem Wald und lernen das Schleichen, Hütten bauen, Spurenlesen, die essbaren Pflanzen und vieles mehr. Der erste Tag findet meist in der Hochschule statt und wenn ich den Raum betrete sehe ich junge Menschen die in Reihe und Glied sitzend nach vorne schauen und antizipieren, dass ich bestimme, was an diesem Tag geschieht. Da ich selber 18 Jahre in der Schule war, kenne ich diese Situation sehr gut. Meine erste Handlung ist das Auflösen der Reihen und die Einberufung eines Kreises.

Die Vorstellungsrunde läuft wie in vielen anderen Kursen und oft fällt der Satz: „Ich lasse mich mal überraschen.“ Mein Redebeitrag besteht aus meinem Namen und einigen Informationen zu meinen Wildniserfahrungen. Aufgrund meiner Erfahrung aus den vergangenen Jahren, in denen manche Schüler*innen eher passiv und unmotiviert waren, entschied ich mich ganz offen mit den Schüler*innen zu sein. Ich sagte Ihnen, dass sie bestimmen, was wir hier machen und dass es in unserer gemeinsamen Verantwortung liegt, die kommenden 6 Tage so zufriedenstellend wie möglich zu gestalten. Ich sage ihnen auch, dass ich früher ein Meister darin war in der Schule so zu tun, als würde ich zuhören. Innerlich jedoch sehnte ich mich nur nach dem Ende des Schultages. Diesen Zustand möchte ich in meiner Bildungsarbeit nicht wiederholen. Der kürzlich verstorbene Sir Ken Robinson erläutert in diesem Video auf brilliante Art und Weise inwiefern Schulen die Kreativität und auch das Lernen behindern.

Ich bin nur einige Male im Jahr in dieser Situation, da meistens Menschen Geld und Zeit in die Hand nehmen, um mit mir zu lernen.

Klassischerweise geht ja Schule davon aus, dass die Schüler*innen vom Lehrer oder der Lehrerin unterrichtet werden. Das ist meiner Meinung nach nicht ganz korrekt. Ich gehe davon aus, dass Menschen lernen und sehe diesen Vorgang als aktiv an. Meine Erkenntnisse aus dem Studium indigener Kulturen formen ein Bild von Lernen, welches hauptsächlich aus Lernen durch Erfahrung besteht, begleitet von Mentor*innen, die durch Vorbild und Geschichten Impulse setzen. Grundlage ist die Lust oder Notwendigkeit des Lernenden zu lernen. In diesem Artikel beschreibt Professor für Psychologie in Boston, Peter Gray inwiefern Kinder in indigenen Kulturen “Selbsterziehungsexperten” sind.

Dr. Gerald Hüther im Interview zu Schule und Gesellschaft

„Man kann einem Kind nichts wirklich Neues beibringen, sondern man muss es gewissermaßen an der Hand nehmen, muss es dort abholen, wo es ist, und muss in seiner Sprache und in einer für ihn verständlichen Weise gewissermaßen etwas Neues anbieten.“

Dr. Gerald Hüther

Meine Offenheit lockert die Atmosphäre auf und ich sehe, dass die jungen Erwachsenen sich mir zuwenden und entspannen. Wir sind ehrlich miteinander, da ich weiß, dass sie nicht wählen konnten, ob sie an dem Projekt teilnehmen oder nicht. Trotzdem sitzen wir alle im selben Boot und ich sage Ihnen auch, dass es mir am meisten Spaß macht, wenn sie Freude an unseren Waldzeiten haben.

Nachdem ich eine kleine Einführung in die Wildnispädagogik und die dazugehörigen Themenfelder gebe, lade ich jede*n ein sich 10 Minuten Zeit zu nehmen, um herauszufinden, was sie am liebsten erleben und lernen wollen. Nach der Bedenkzeit versammeln wir uns im Kreis und jede*r kann seine Wünsche äußern. So entsteht ein Bild zur Interessenlage der Klasse. Ich nehme begeistert wahr, dass die Schüler*innen sehr viel lernen wollen und verstehen, dass ich ihr Dienstleister bin, der sie gerne in dem begleitet, was sie lernen wollen. Natürlich gibt es auch Inhalte, von denen sie nichts wissen, die ich dann einbringen werden. Nach der Mittagspause machen wir uns auf in den Wald und haben unseren ersten Nachmittag voller Naturverbindung. In der Abschlussrunde sagt eine Frau, dass das bereits das beste Projekt der Ausbildung ist, da sie mitbestimmen darf, was sie lernt. Das berührt mich und ich finde es schön und wichtig, dass sich Lernende als aktive Gestalter ihres Lernweges erleben. Das hat wahrscheinlich viel mit meinem Lernweg zu tun, der daraus bestand, dass ich mir sehr früh im Leben meine Ausbildung nach Interessenlage selber zusammenstellte. Die kommenden Wochen treffen wir uns jeweils 2 Tage im Wald und lernen diesen sehr gut kennen. Es wird an Wildkräutern gesnackt, Hütten werden gebaut, es wird gespielt und im Regen unter dem Tarp gerätselt und gelacht. Es gibt auch Tränen im Redekreis aufgrund eines Konflikts und das Erlebnis, dass im gemeinsamen Tun und nicht im Reden die Unterschiedlichkeit der Einzelnen ein Geschenk ist.

Bau einer Laubhütte

Nach 6 Tagen sind sich fast alle darüber einig, dass es solche Waldtag jede Woche in der gesamten Ausbildungen geben müsste und dass es sehr wertvoll ist, so viel praktisch zu erleben. Lernen halt!

Durch die Leitung von Gefühls- und Körperarbeitsgruppen habe ich erkannt, dass ein leerer und nicht vorstrukturierter Raum, in dem kein anderer bestimmt was passiert, etwas sehr wertvolles ist. Denn nun geht es nicht mehr darum, wie ich die Erwartung anderer erfülle, sondern, was ich eigentlich will. Was müsste heute oder jetzt passieren, damit ich sage, es hat sich gelohnt hier zu sein. Das ist einer meiner Lieblingsfragen am Anfang einer Lerneinheit. Denn nun gilt es zu erspüren, was ich eigentlich will und mich bereichert. Dann warte ich nicht auf den Lehrer unterrichtet zu werden, sondern werde zum Lernenden, der selber gestaltet und gerne die Impulse des Mentors oder der Mentorin für das eigene Lernen nutzt. Das alles eingebunden in eine Gemeinschaft von Menschen (der Klassenverband) die ihre Erfahrungen und Wünsche einbringen und so ein Feld von Begeisterung erschaffen.

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