Die Geburt meines Sohnes

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Wie könnte der Versuch aussehen Geburt und Schwangerschaft, also den Übergang vom Paar zur Familie, nicht nur als Kernfamilie isoliert zu erleben, sondern diese besondere Reise unterstützt und getragen durch Andere zu machen? Hier beschreibe ich unsere Erfahrung damit diese besondere Zeit in eine Dorfstruktur zu integrieren, um uns als Familie einen möglichst entspannten Beginn zu ermöglichen.

Nachdem ich mich selber jahrelang mit Geburt beschäftigt habe und vor allem durch viele Jahre Selbsterfahrung am eigenen Leib erlebt hatte, dass die Erlebnisse rund um die Geburt bis ins Erwachsenenleben hineinwirken, stand nun ein weiteres Kapitel an: Die Entscheidung selber eine Familie zu gründen. Wie könnte das in Anbetracht des Wissens um diese prägende Zeit für uns als Paar und für das eingeladene Wesen wohl stimmig aussehen? Desweiteren weiß ich durch das Studium indigener Kulturen, dass die Geburt und das Heranwachsen eines neuen Menschen gemeinschaftlich gedacht und gelebt wird. Ich hatte viele Familien in Camps und Seminaren begleitet, die teilweise zu viele Verantwortlichkeiten trugen und deshalb sehr belastet waren und sich nach einem unterstützendem Kreis von Menschen sehnten. Auch deshalb wollte ich dafür Sorge tragen, dass wir als Paar und als Familie von Anfang an gemeinschaftlich eingebunden sind. Inspiriert von der indigenen Perspektive zu Familie und Geburt beschlossen wir, die Gemeinschaft als Unterstützung in unseren Prozess mit einzubeziehen.

“In der traditionellen Großfamilie ist eine Frau, die ein Kind erwartet, immer von Frauen verschiedener Generationen umgeben, die sich einander im täglichen Leben unterstützen, also auch bei den Aufgaben, die eine Mutterschaft mit sich bringt. In solchen Familien kann sich eine erstgebärende Mutter bereits im voraus gewisse Kenntnisse in diesem Bereich aneignen.”

Michel Odent, von Geburt an gesund

Jede Familiengründung ist einzigartig. Immer geben die Beteiligten ihr Bestes und tragen die höchstmögliche Sorge für das Wohlbefinden aller! Hier sei angemerkt, dass man auch aus diesen Einsichten heraus in eine Optimierungshaltung gelangen kann, um alles perfekt für das Kind zu machen. Dieses Streben ist meist Angst beladen und das spürt natürlich auch das Kind. Deshalb bitte ich darum meine Erlebnisse nicht als Perfektionsstreben zu verstehen, sondern als gemachte Erfahrungen, die der Familiengründung zuträglich sein sollen.

Ich habe über die letzten 9 Jahre viele Menschen in tiefgehenden Prozessen begleitet, in denen sie durch Gefühls- und Körperarbeit Rückverbindung zu ihren Empfindungen als Embryo, Säugling und Kleinkind herstellten. Dabei bemerkte ich wiederkehrend das Phänomen, dass Menschen sich an die emotionale Verfasstheit ihrer Eltern zum Zeitpunkt der Zeugung erinnern. Sie konnten spüren, ob sie ein Wunschkind waren oder nicht. Es hatte auch einen Einfluss, wie die Verbindung zwischen den Eltern war und wie die Zeugung ablief. Schon so früh im Leben beginnt der Embryo wahrzunehmen und wird emotional durch sein Umfeld beeinflusst. Aufgrund dieser Erfahrungen war ich sensibilisiert für das feinfühlige Wahrnehmen des Embryos und hatte die Absicht ein Feld zu erschaffen, in dem sich ein neuer Mensch so entspannt und authentisch wie möglich fühlen kann.

Die Einladung

Vor vielen Jahren nutzte Willi Maurer ein Mal die Metapher, dass das Zeugen eines Babys einer Einladung für einen Gast gleicht. Um einen Dauergast zu empfangen, braucht es die Entscheidung der Gastgeber *innen genügend zeitliche und emotionale Kapazitäten einräumen, um sich um den Gast gut zu kümmern. Außerdem brauchen die Eltern eine stabile und geklärte Beziehung miteinander, um sich den neuen Herausforderungen zu stellen, die mit dem Neuankömmling auftreten können. Für mich war es deshalb schnell klar, dass ich mich ganz bewusst für die Zeugung eines Kindes entscheiden wollte und auch das klare “Ja” der Partnerin dafür brauchte. Ich wollte kein Kind, welches als “Unfall” gezeugt wird. Deshalb haben wir unsere Entscheidung für ein Kind mit einem rituellem Gespräch bei Kerzenschein gefällt, in der jede/r Sorgen, Wünsche und Fragen äußern konnte, bis wir uns in die Augen schauend, beide ein Ja zu einem Kind geben konnten.

Einige Wochen später war dieses Kind dann auch schon gelandet und hatte sich uns als seine Eltern ausgewählt. Ab da fühlte ich mich als Vater eines voll bewussten und wahrnehmenden Wesens und antwortete auf die Frage, wann ich denn Vater werde mit:” Das bin ich doch schon, aber ich weiß, was du meinst. Du meinst, wann das Kind geboren wird.”

Unsere Zellen erinnern sich also an Umwelteinflüsse und die Folgen des eigenen Lebensstils. Erfahrungen der Vorfahren sind in ihnen ebenso gespeichert wie Erlebnisse aus der Zeit um die Geburt und weitere Gegebenheiten aus dem bisherigen Leben.” 

Dr. Peter Spork, Biologe und Wissenschaftsjournalist

Das Elternfest

Es gab bereits seit einigen Jahren die Tradition eines Mutterfestes in unserer Region und an dieses anknüpfend, luden wir zum Ende der Schwangerschaft zu einem Elternfest ein. Auch ich als Mann wünschte mir einen rituellen Übergang in die Welt der Väter. Das Fest bestand aus 3 Teilen. Als Erstes trafen sich ausgewählte Frauen mit der Mutter und parallel dazu ein Kreis von Männern mit mir, dem Vater. Wir Männer verbrachten unsere Zeit im Wald und die von mir eingeladenen Väter waren mir vertraut und fühlten sich geehrt über so eine Art Ritual. Es gab einen Redekreis zum Thema Vater sein, zeremonielle Geschenke, Tränen und Berührung und zum Abschluss einen Sprung über die Schwelle des Vaterseins. Das Ritual haben wir Männer selber gestaltet und entworfen und ich finde es wertvoll, wenn Menschen und Gemeinschaften sich selber Rituale und Zeremonien wieder erschaffen. Danach, umarmt und getragen von den Vätern, trafen Männer und Frauen, Vater und Mutter wieder aufeinander. In einem wunderschön geschmückten Zimmer standen sich dann Mann und Frau gegenüber, umringt von den Vätern und Müttern des Rituals. Nach einigen Worten der Dankbarkeit und Rührung gab es einen Blumenregen und große Freude. Nach der Zusammenkunft folgte gemeinschaftliches Tanzen und Tönen. Abschließend versammelten sich alle am Buffet und es wurde gegessen, “geschnackt” und gelacht.

Die Geburt

Der feierlich geschmückte Raum des Elternfestes sollte auch das Geburtszimmer sein, in dem das neue Leben die Gebärmutter verlassen und geboren werden sollte. Gefüllt mit dem Segen und der Vorfreude der Gemeinschaft wurde der Raum nicht anderweitig genutzt, sondern wartete, so wie wir Eltern, auf den besonderen Augenblick.

Es ist klar, dass jede Familie selber entscheiden muss, wie und wo sie gebärt. Bei einer gesunden Schwangerschaft ohne Risikoindikatoren finde ich die Hausgeburt das Stimmigste. Aber nur dann, wenn vor allem die Frau sich an diesem Ort entspannen kann und sich so angstfrei wie möglich den Wellen der Geburt hingeben kann. Meiner Meinung nach herrscht oft zu viel Angst und damit fehlt Frauen das Vertrauen in die ureigene Fähigkeit ihr Kind auf die Welt zu begleiten. Mehr dazu findest du in einem früheren Beitrag zum Thema frühe Lebensphasen.

Jede Geburt ist anders und einzigartig und das Festhalten an Konzepten, wie sie verlaufen sollte oder wie sie richtig ist, scheint oft der Anlass dafür zu sein, dass die Geburt eventuell nicht völlig konzeptfrei angenommen werden kann. Alles leichter gesagt als getan, denn wir leben in einer Welt, in der wir mithilfe unseres Neokortex die Dinge bewerten, einordnen, planen, kontrollieren und so vieles mehr. Aber wie Michel Odent so schön beschreibt ist die Geburt ein Vorgang, der vor allem durch das instinktive, körperliche geleitet wird. Ganz wie alle Säugetiere , die sich für ihre Geburt gerne zurückziehen und unbeobachtet, mit so wenig Stress wie möglich gebären.

Unsere Geburt war eine aufregende Reise voller Spannung und Vorfreude und der Realisation, dass jetzt der Augenblick gekommen ist, auf den wir 40 Wochen gewartet haben. Wir hatten im Vorfeld zwei Frau angesprochen, die wir bei Bedarf zur Geburt dazu rufen würden, wenn das Bedürfnis nach mehr weiblicher Unterstützung aufkäme. Es war gut diese Unterstützung im Rücken zu haben und schlussendlich kam das Bedürfnis nicht auf. In den letzten Stunden dieser Reise stand ein Kreis von Frauen im Nachbargarten und trommelte für uns, die Geburt, unser Kind. Immer wieder schallte der Trommelschlag in unser Zimmer und erzählte uns von der liebevollen Unterstützung, die uns umgab. Es war sehr rührend für uns alle. Als das Baby dann bei uns war und das letzte Stück geschafft war es wie ein Wunder und Rausch zugleich. Unfassbar sind die ersten Augenblicke und die Freude über das neue Leben in unseren Armen und die Hochachtung vor diesem uralten, natürliche Vorgang. Die Zeit zwischen Geburt und dem Ausstoßen der Plazenta nennt Willi Maurer die Zeit des Imprinting und diese Zeit ist ein sehr wichtiges Zeitfenster, in dem das Kind erfährt, ob es herzlich empfangen ist, geborgen, sicher, geliebt und in den Arm genommen.

Auch kann das Kind die Geburt am Herz von Mutter und Vater verarbeiten und nach dieser starken Anstrengung ruhen und ankommen. Wir verbrachten diese Zeit natürlich ganz eng mit unserem Kind und die Hebamme verkündete das große Glück, woraufhin Freudenschreie und starkes Getrommel vom Nachbargarten ertönte. Alle wussten, unser Kind ist da und es geht uns gut. Was für ein Segen!

Das Wochenbett

Die ersten vierzig Tage sind eine Zeit wie keine andere. Es ist ein kurzer Zeitabschnitt nach der Geburt deines Kindes, die sechs Wochen, die auf die vielen Wochen Schwangerschaft und wer weiß wie viele Stunden Entbindung folgen. Du bist dabei, dich von der Geburt zu erholen, dein Baby gewöhnt sich langsam an die helle, laute Welt, und gemeinsam macht ihr euch daran, eure Beziehung zu gestalten. Diese Zeit ist kurz, aber unglaublich intensiv, uns sie bringt massive Veränderungen mit sich.

Dein Körper verändert sich – erneut-, und dein Herz schlägt vor lauter Gefühlen so stark, wie du es niemals für möglich gehalten hättest. Die üblichen Rhythmen werden außer Kraft gesetzt, denn Tag und Nach verschmelzen. Deine Ausdauer und Gemütsruhe werden auf die Probe gestellt und zwar so sehr wie nie zuvor. Deine Verbindung zur Welt, wie du sie bis dato kanntest, lockern sich, lösen sich vielleicht sogar, und dein Selbstbild wandelt und überformt sich.

Früher wurde eine Erholungs- und Gewöhnungsphase ach der Entbindung akzeptiert und regelrecht erwartet, so wie es an anderen Orten der Welt im Übrigen bis heute ist. Nach den kräftezehrenden, anstrengenden Geburtsakt galt es als unbedingt nötig für die ganze Familie – und für die ganze Gesellschaft – , einer jungen Mutter die ersten vierzig Tage zur Erholung und Heilung zuzugestehen. Andere Menschen aus ihrer Umgebung kümmerten sich ums Kochen, pflegten sie und nahmen ihr alle Pflichten ab, während sie sich voll und ganz einer Sache widmen konnte: dem gesunden, glücklichen Übergang von der schwangeren Frau zur Mutter.”

Heng Ou, Die ersten vierzig Tage

Für unser Wochenbett sind wir einer bereits vorhandenen Tradition unseres Dorfes gefolgt, bei der sich die Gemeinschaft um die Versorgung der neuen Familie kümmert. Das bedeutet in unserem Fall, dass viele der Menschen, die bereits beim Elternfest dabei waren, sich das Kochen für uns untereinander aufteilen. Wir bekommen also jeden Tag frisch zubereitetes Essen mit liebevollen Grußkarten, Kuchen und andere kulinarische Bereicherungen geliefert. Auch das Einkaufen wird uns abgenommen, so dass wir genügend zeitliche und emotionale Kapazität haben, um ganz für uns und das neue Leben da zu sein. Es ist sehr rührend so viel Unterstützung zu bekommen und hilft uns stark dabei, so stressfrei wie möglich auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Es lohnt sich also im Vorhinein einen Kreis von Leuten anzusprechen, der sich dann organisiert, um diese notwendigen Dinge zu erledigen. Abschluss dieser besonderen Zeit des Wochenbetts soll bei uns eine zeremonieller und bewusster Schritt zurück in die Welt sein. Diesen gehen wir zu Dritt als Familie und kehren damit ins Dorfleben nun als Familien zurück.

Das Schreiben und Veröffentlichen dieser sehr persönlichen Erfahrung soll als Inspiration dienen. Natürlich gibt es viele verschiedene, stimmige Wege Geburt und Schwangerschaft zu erleben und dieser ist nur einer daovn. Eventuell gibt es Elemente unserer Reise, die dir als werdender Vater oder werdende Mutter als wertvoll erscheinen. Dann sei eingeladen, sie auf deine Weise in deine persönliche Reise zu integrieren, denn:

„Wir können die Welt nicht verändern, ohne die Art und Weise zu ändern, wie Kinder geboren werden.“

Dr. Michel Odent

Inspirationen

Film: Die sichere Geburt
Michel Odent

Geburtshilfe unterstützen?

Literatur

  • “Woran Babys sich erinnern”, Dr. David Chamberlain
  • “Geburt und Stillen”, Michel Odent
  • Von Geburt an gesund, Michel Odent
  • “Der erste Augenblick des Lebens”, Willi Maurer
  • “Die selbstbestimmte Geburt”, Ina May Gaskin
  • “Das Geheimnis der ersten neuen Monate”, Dr. Gerald Hüther
  • “Gebären ohne Aberglaube”, Dr. Alfred Rockenschaub
  • “Keine Angst vor Babytränen”, Thomas Harms
  • “Das goldene Tor zum Leben”, Franz Renggli
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