Wo die wildern Kerle wohnten

Das Oya-Gespräch fand zwar drinnen statt, aber die Gesprächspartner sind an ganz andere Umgebungen gewöhnt. Redakteur Jochen Schilk sprach mit Bastian Barucker und Andreas Jade, die in der Wildnis von Wisconsin eine einjährige Ausbildung zu Jägern und Sammlern erfahren haben.

Zuerste erschienen 2010 im OYA-Magazin

» jochen Schilk
Bastian und Andreas, ihr habt euch unabhängig voneinander entschieden, für fast ein Jahr in die nordamerikanische Wildnis zu gehen, um an einem Programm teilzunehmen, bei dem man lernt, den »Alten Weg« unserer Steinzeitvorfahren zu leben. Mich interessiert, ob das mehr ein persönlicher, individueller Selbsterfahrungsweg ist, so eine Art Abenteuersport – oder ob das, was ihr erlebt habt, auch eine tiefere Botschaft für uns Daheimgebliebene hat, für die westliche Industrie-Zivilisation. Aber zunächst einmal: Wie seid ihr eigentlich dazu gekommen, euch auf so etwas Verrücktes einzulassen?
bastian barucker Ich hatte schon vorher versucht, Leben in der Wildnis zu studieren, zu lernen, wie man Feuer ohne Streichhölzer macht oder sich eine Hütte baut. Schon vor dem »Yearlong« Programm, meinem Jahr in den Wäldern von Wisconsin, habe ich in einer Wildnisschule gearbeitet. Irgendwann fragte ich mich, wie das wohl ist, wenn ich wirklich draußen allein auf die eigenen Fähigkeiten angewiesen wäre. Gleichzeitig war da so ein Punkt in meinem Leben, an dem ich merkte, dass ich in der Beziehung zu den Menschen in meinem Umfeld immer an so eine Blockade oder Grenze kam, eine gewisse Beziehungsunfähigkeit hatte. Die beiden
Themen kamen zusammen, und als dann jemand davon erzählte,
wie genial es doch ist, da draußen zu leben, wie stark man sich dabei wandelt, da wusste ich: Das mache ich auf jeden Fall!
andreas jade Auch ich habe vor dem »Yearlong« schon als Wildnispädagoge gearbeitet. Bei mir ist der Entschluss zu diesem Jahr,
glaube ich, aus einer tiefen Sehnsucht nach Veränderung entstanden, die in meinem Leben schon eine ganze Zeit da war. Auf den Wildnis-Weg bin ich mehr oder weniger zufällig geraten und dann ziemlich schnell mit jemandem in Kontakt gekommen, der gerade »draußen« in Wisconsin gewesen war. Wie Bastian wusste ich sofort, dass ich da hin muss – weil ich hoffte, dort endlich herauszufinden, wer ich bin, wo ich herkomme und wo ich hin soll.
js Worum geht es nun konkret in diesem Jahr? Was wird vorausgesetzt, und wie wurdet ihr unterstützt?
bb Von Frühjahr bis zum nächsten Frühjahr geht eine Gruppe Menschen hinaus in die Wildnis. Sie teilen sich in mehrere Clans, die um einen See verteilt sind, und versuchen dort, anfangs noch mit einer Grundausrüstung von »zivilisierten« Dingen, im Gleichgewicht mit dem Land zu leben – von dem zu leben, was sie dort vorfinden, und vor allem zusammen mit den Menschen und den Tieren zu leben. In unserem Jahr wurden wir von einem erfahrenen älteren Mentor, Tamarack Song und seinem etwas jüngeren Lehrling begleitet. Beide führten uns am Anfang sehr ausführlich in dieses Leben ein. Und so lebt man dann viele Sonnen und Monde lang und versucht, seine Bedürfnisse zu befriedigen und die Notwendigkeiten des Lebens zu erkennen. Man versucht, miteinander dafür zu sorgen, dass es allen gutgeht, dass alle Essen, eine Unterkunft, Wasser und Feuer
haben. Das ist ein grober Umriss.
AJ Wichtig ist eine funktionierende Lebensstruktur innerhalb des Clans. Wie kann ich mit den Leuten, mit denen ich auf Gedeih und Verderb – bzw. auf Dableiben oder Weggehen – ausgesetzt bin, für elf Monde zusammensein? Die Herausforderung besteht nicht zuletzt darin, ganz lebendig mit Menschen, die ich mir nicht ausgesucht habe, in einem Kreis zu sein.
js Ein andauerndes Training in Beziehungsfähigkeit also. Aber noch mal zu den Bedingungen: Was stand euch an Werkzeug zur Verfügung und mit welchem Klima muss man dort in Wisconsin rechnen?
bb Der »zivilisierte« Grundstock besteht aus deinen Klamotten und einem Schlafsack. Meistens gibt es am Anfang auch ein Zelt und eine Axt, man nimmt sich ein Messer mit, etwas zu schreiben und einen Topf. Der Ort liegt in der Region der Großen Seen zwischen den USA und Kanada. Das bedeutet: wahnsinnig weites Land, unglaublich vielfältiger Laub- und Nadelwald, Sümpfe und Moskitos ohne Ende. Und dann, wenn die weiße Jahreszeit kommt, auch richtige Kälte: minus 30, minus 40 Grad. Aber das Ziel ist, diese Verbindung zur Zivilisation, die vermeintliche Abhängigkeit von moderner Ausrüstung immer mehr loszulassen. Wir haben bald aufgehört, Zelte, Töpfe und Streichhölzer zu benutzen – all das lässt man los und begibt sich immer mehr in die Beziehung zum Land.

JS Wie ist denn euer Mentor Tamarack dazu gekommen, so ein Programm anzubieten?
AJ Er ist viel mit den Ältesten von Stämmen der Gegend zusammengewesen. Dabei kam er dann auf die Idee, diese Erfahrungen auch anderen zugänglich zu machen.
bb Ich denke, er hat diese Form gewählt, weil ihm bewusst ist, dass sich gewisse nicht-lebensförderliche Verhaltensmuster nicht ändern, wenn man nur einen Zwei-Tages-Workshop macht und dann wieder in den Alltag zurückkehrt. Deshalb diese lange Zeit, die ich als sehr effektiven Weg erlebt habe, denn alles wird so oft wiederholt, bis sich wirklich etwas in dir verändert. Tamarack selbst hat übrigens keine indianischen Wurzeln, aber er hat das Jahresprogramm so gestaltet, dass es eine möglichst naturgetreue Simulation des nativen Lebens der Stämme ist, die ursprünglich an diesem Ort siedelten.
js Apropos »Platz«: Die Jäger und Sammler waren bzw. sind ja eigentlich Nomaden, sie ziehen weiter, wenn die von der Natur zur Verfügung gestellten »Vorräte« zur Neige gehen.
aj Ja, denn nur, wenn man mit den Geschenken der Natur mitläuft, hat man eine Chance, zu überleben. Wenn du hier ansässig bist, aber der Fisch ist zwei Tagesmärsche weiter nördlich, kannst du entscheiden, ob du sitzen bleibst und einfach keinen Fisch fängst, oder ob du mitgehst. Es galt, so oft es ging, den Platz zu wechseln und am neuen Ort herauszufinden, was uns das Land anbot. Ich dachte oft: »Jetzt fühle mich hier zu Hause und sicher, ich will nicht schon wieder los.« Das Mitlaufen mit der Natur bringt
auch Prozesse bei dir ins Laufen.
js Basti, du warst 2007 dort, du, Andreas, 2009, ihr habt also verschiedene Gruppen erlebt. Hattet ihr das Gefühl, wie in einem traditionellen Clan zu leben?
bb Ein Clan bzw. eine Sippe wäre ja eine Gruppe von maximal 25 Leuten aller Alterschichten und Geschlechter. Wir waren eine kleinere Gruppe ohne Kinder von Mitgliedern zwischen 25 und 46 Jahren. Anfangs waren es fast gleich viele Frauen wie Männer, das ist wichtig. In einem authentischen Clan gäbe es natürlich Kinder, es gäbe Achtzigjährige, die alles über das Land wissen, und Jugendliche, die herumspringen und lernen, wie man für die Familie sorgt.
js Steigen viele Mitglieder im Lauf des Jahres wieder aus?
aj Wir waren am Anfang relativ viele und haben uns in zwei Clans aufgeteilt, in denen alle etwa in der gleichen Altersgruppe waren. Das habe ich als problematisch erlebt, im Alltag braucht es Unterschiede. Gegangen ist aber jeweils nur einer, so dass es bis zum Schluss ein relativ stabiles Gruppengefüge gab.
js Ist die Bedeutung der Altersdurchmischung eine Botschaft an
Menschen, die Gemeinschaften gründen wollen?
aj Ja. Und eine Botschaft an das Schulsystem!
bb Bei uns war es nicht so stabil. Von anfangs zwei Gruppen mit sieben Mitgliedern schrumpften wir innerhalb von vier Monaten auf insgesamt vier oder fünf. Von da an konnten wir endlich richtig loslegen, denn die Gruppe wusste: Wir sind jetzt hier und bleiben.
js Die bei den ursprünglichen Nahrungsbeutergesellschaften praktizierte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung würde ja für euch junge Männer bedeuten, dass ihr euch hauptsächlich aufs Jagen konzentriert und die Frauen auf das Sammeln …
aj Ich schätze, dass der überwiegende Anteil meiner Arbeiten eigentlich Frauenarbeiten waren. Großwildjagd ist nicht Teil des Programms. Ich sah mich als ein Kind, als ein Neugeborenes in dieser
Welt da draußen im Wald. Und aus diesem Selbstverständnis heraus hab ich erstmal angefangen, wie ein Kind Fallen zu stellen und
zu sammeln, bevor ich dann irgendwann mal mit den Großen mitgehen darf zum Jagen.
js Mich beschäftigt die Frage, wie Clans funktionieren. Haben unsere Steinzeitvorfahren nicht viele jahrhundertelange Erfahrungen sammeln können, wie sich das Leben so gestalten lässt, dass es nachhaltig ist und die Gemeinschaften nicht auseinanderbrechen?
bb Eine gute Frage. Ich denke, wenn man so eng miteinander lebt, kann man letztlich nicht anders, als sich zu vertrauen und zu respektieren, deshalb werden in ursprünglichen Clans Vertrauen und Respekt so hochgehalten. Bei uns wurde das Aussprechen der eigenen Wahrheit besonders wichtig, das ist die Art von Kommunikation, auf der Respekt und Vertrauen basieren: Dass ich dir sage, wie es mir geht in dem Augenblick, in dem es mir mit dir so und so geht. Wenn ich anfange, hinter deinem Rücken über dich zu lästern, wird der Clan über kurz oder lang zusammenbrechen. Tamarack sagte oft: »Geben ist Erhalten« (giving is receiving). Das bedeutet,
nicht wie üblich zu denken: Wenn ich dir jetzt etwas gebe, verliere ich, und du bekommst. Das ergibt in einem Clan und in der Natur keinen Sinn, weil alles so offensichtlich miteinander verbunden ist, dass, wenn ich gebe, ich mir letztlich selber gebe, denn schon im nächsten Augenblick erhalte ich bereits etwas zurück. Wenn e meinem Kreis gutgeht, muss es mir auch gutgehen.
js In westlichen intentionalen Gemeinschaften der Alternativszene scheinen mir die Mitglieder weniger stark aufeinander angewiesen zu sein als in einer Gruppe von Jägern und Sammlerinnen.
aj Jeder hat ganz spezielle Talente, also »Geschenke« für den Clan.
Nicht jeder ist für jede Aufgabe begabt. Es gibt natürliche Spezialis-
ten, und wenn so ein Spezialist wegfällt, kann das einen heftigen,
lebensgefährlichen Bruch im Clangefüge bedeuten.
bb Wenn man so wie wir in der Gruppe draußen lebt und die
Masken, mit denen wir uns sonst die ganze Zeit verkleiden, alle
mehr und mehr wegfallen, dann wird irgendwann klar, dass jeder
einzigartig ist und etwas zu geben hat, das du total wertzuschätzen lernst. Das kann eine besondere Perspektive sein, was er sieht
oder was sie hört. Oder sei es, dass einer jedesmal zehn Fische nach
Hause bringt, das ist ganz elementar. Das ist eine echte Basis fürs
Gemeinschaftsleben. Tamarack beschreibt es immer mit dem Bild
eines ruhige Meeres. Es gibt zwar Wellen oben drauf, weil wir jedes-
mal andere Ansichten haben, aber tiefer unten ist immer alles in
Ordnung. Und ich glaube, die Leute früher, die hatten dieses Meer.
js Habt ihr eine Art Unterricht bekommen in guter Kommunikation? Es ging ja offenbar auch viel um innere Prozesse.
aj Ich würde sagen, dass ich Werkzeuge bekommen habe, aber nicht belehrt worden bin. Das Lernen fand hauptsächlich dann statt, wenn die Mentoren weg waren und unsere eigenen Prozesse begannen. An dem Punkt, wo es nicht mehr weiterging, halfen uns die Mentoren über die nächste Schwelle. So lernten wir, die Werkzeuge einzusetzen, also gemäß unserer Wahrheit zu sprechen und wahrzunehmen, in was für einem Zustand wir uns befinden, ob wir uns z. B. gerade selbst bemitleiden. Das war für mich wirkliches Lernen im Tun – aus einer echten Notwendigkeit heraus.
bb Zum Thema Unterricht würde ich gerne noch hinzufügen, dass
durch die Tier- und Pflanzenwelt um uns herum ein permanenter
Wenn das Lästern aufkommt, wird der Clan über kurz oder lang zusammenbrechen. Unterricht stattfindet, z. B. zur guten Kommunikation. Du gehst durch den Wald, und da ist niemand, der lästert. Die Vögel und Säugetiere sind alle immer ganz im Hier und Jetzt und sagen, wie es ihnen geht. Wenn du zuhörst. Das war für mich ein permanenter Unterricht ohne Worte: Diese Präsenz der Leute spüren, die jetzt da sind, die Präsenz der Baum-Leute oder der Eichhörnchen-Leute. Die sind in der Gegenwart, sind in Gemeinschaft, sind in Beziehung. Das ist ein starker Spiegel. Ich war im Kanu auf einem See, das Wasser war ganz ruhig, und nach einer Weile merke ich, dass ich die ganze Zeit nur nachdenke. Der einzige Lärm ist in meinem Kopf …
aj Ein Teil von mir dachte vor dem »Yearlong«, dass ich dorthingehe, um dann richtig »heilig« zu sein, ständig für alles zu danken
und zu beten. Ich merkte dann aber enttäuscht, dass es überhaupt
nicht so ist. Irgendwann sammelte ich gerade Nadelzweige, um mit
ihnen meine Hände sauberzumachen und um darauf zu sitzen, und
bei jedem Abbrechen fühlte ich mich plötzlich tief dankbar und total verbunden mit dem Baum. Ganz ohne Gebetsformel …
js Es ist also so ähnlich wie mit den Clanmitgliedern: Man ist vollkommen abhängig von den trockenen Zweigen, die sich finden, von den Beeren und Tieren – das ist vermutlich eine ganz andere Verbindung als beim Spaziergang durch den Stadtforst?
bb Dem kann ich nur zustimmen. Bis dieses Gefühl aufkommt, dauert es aber eine Weile. Bei meiner Arbeit mit Stadtkindern fällt mir auf, dass sich an einem Tag noch keine wirkliche Naturverbindung erleben lässt. Es ist wie mit jeder Beziehung – es geht um Zeit und darum, viel zu geben. Das heißt aber nicht, dass, wenn du einen Job in der Stadt hast und vier Kinder, du nie Naturverbindung erleben könntest, weil du kein Yearlong im Wald sein kannst. Auch dann kannst du entscheiden: Nächstes Wochenende übernachte ich draußen und höre mir mal die ganze Nacht den Wald an.
js Denkt ihr, wir haben hier in den deutschen Wäldern auch
Möglichkeiten, um uns gut zu verbinden?
bb Solange die Tiere und Bäume da sind und noch ein bisschen im Gleichgewicht leben, sind ja alle notwendigen Lehrer da. Die leben schon ewig auf dem Land und haben so viel Zeit, anderen Leuten etwas beizubringen, man muss nur hingehen und zuhören.
js Mit eurer Art von Ausbildung wisst ihr, wie ihr euch notfalls
unabhängig vom Supermarkt ernährt, wie ihr ohne Geld eine Weile
überleben könnt. Ganz viele Menschen haben ja heute Angst davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, ihre Bezüge, auch Angst davor, dass
das Fremdversorgungssystem eines Tages nicht mehr funktioniert.
Wie fühlt sich für euch so eine Vorstellung an?
aj Diese Vorstellung macht mir heute weniger Angst. Ich würde
jetzt nicht sagen, dass ich einfach »ohne Not« ganz in den Wald
gehe. Aber ich weiß, dass ich dort viel länger leben könnte, dass ich
eine ganze Menge von Zutaten für eine gute »Lebenssuppe« habe.
bb Mir geht es ähnlich. Es gibt ja diese Mensch-gegen-die-Natur Macho-Survival-Szene, und die kommt mir nur schwachsinnig vor. Das würde im Fall eines Systemcrashs nicht funktionieren. Im Ernstfall würde die Szene ohne soziale Fähigkeiten vermutlich schnell aussterben: Mal angenommen, du bist ein guter Fischer. Weil es aber in unserem Clan viel ungeklärten Ärger gibt, spürst du irgendwie nicht mehr die alte Leidenschaft für das Fischen. Über den ganzen Knatsch ist deine Freude dran abhandengekommen, und deshalb fängst du nur noch wenige, kleine Fische. Unser Clan würde langsam zugrundegehen, weil es uns vermutlich allen so ginge in unseren überlebenswichtigen Spezialgebieten. – Zum Überleben gehört vor allem, darauf zu achten, dass es allen gut geht!

js Von wegen »gutgehen« – wie lebt es sich denn so, ohne Zentral-
heizung bei minus 30 Grad?
bb Die Zentralheizung hast du immer bei dir (schlägt sich auf den
Rumpf). Die musst du nur andrehen! Das heißt: Ich gehe raus und
hole das größte Feuerholzbündel, das ich jemals gesammelt habe.
aj Sobald du losgehst und etwas tust, geht es dir besser. Eines der
intensivsten Erlebnisse war für mich das Schneehütten-Bauen.
Es war richtig kalt, und wir sollten raus aus dem Wigwam und irgendwo auf eine Lichtung gehen, einen Schneehaufen bauen und
dort einziehen. Alles in meinem Kopf hat einfach nur gesagt: Oh
Scheiße, das wird einfach nur kalt! – Doch dann lag ich in diesem
Schneehaufen, draußen waren minus 20 Grad, und es war warm da
drinnen! Da habe ich verstanden: Alles ist da. Du brauchst nichts
zu bauen, du brauchst nichts herzustellen, sondern du nimmst ein-
fach das, was da ist. Das war ein so geiler Aha-Effekt und so eine
tiefe Dankbarkeit gegenüber allem ringsherum. The mother provides
die Mutter Erde gibt alles, was du brauchst. Sie wartet aber nicht;
wenn du schläfst und nichts tust, bleibst du auf der Strecke.
js Aber man braucht eben auch das nötige Wissen …
aj Oft machst du instinktiv das Richtige, wenn es darauf ankommt. Das ist vielleicht so, weil wir das schon seit Jahrmillionen getan haben und es irgendwo in uns steckt.
js Muss man für dieses Leben eigentlich besonders hart sein?
Oder vielmehr besonders weich, besonders angepasst?
bb Ja, weich im Sinn von anpassungsfähig. Freilich gibt es physische Herausforderungen – aber die liegen locker im Rahmen der Möglichkeiten eines Menschen. Aber hart im Sinn von starrsinnig – das verbraucht nur unnötig Energie. Draußen ist ja nichts hart, alles ist flexibel und anpassungsfähig. Da ist kein Wesen, das immer den gleichen Weg gehen muss. Keiner glaubt dort, irgendwie durchs Unterholz brechen zu müssen. Man kann es tun, aber es ist viel zu viel Energieaufwand. Es ist nur wichtig, zu wissen: Hunger ist eine physische Herausforderung, Rennen ist eine physische Herausforderung, dauernd nur Kanu fahren, minus 30 Grad – das sind alles Herausforderungen. Aber wenn du offen für deinen Körper bist, lässt sich diesen Herausforderungen gut begegnen.
aj Einmal hatten wir die Aufgabe, aus Hölzern einen Weg in den
Sumpf zu legen, aber wir hatten keine Lust. Irgendwann machte es aber wieder »Klick« in meinem Kopf, und ich fragte mich: Warum sehe ich das als Arbeit, das ist doch auch ein Spiel! Es kann Spaß machen, es ist eine einmalige Erfahrung, die ich jetzt in dem Moment haben kann. Das Leben als Spiel sehen – ich würde jedem raten: Verbring soviel Zeit wie möglich mit Kindern. Du erfährst dabei so viel, deine eingefahrenen Muster brechen alle weg.
js Wie steht es mit alten Menschen? Was lernt man von denen? aj Auch das ist unschätzbar, was die zu geben haben. Sie haben
Erfahrungen, die ich nicht gemacht habe. In Tamarack habe ich einen Menschen erlebt, der wirklich die Würde und die Erfahrung, die natürliche Autorität und das Potenzial eines Ältesten hatte.
js Heute scheinen viele unserer Ältesten noch weniger als wir mit der Welt zurechtkommen.
bb Nicht alle. Ich spreche viel mit meiner Oma. Sobald ich hinhöre, auch »zwischen den Zeilen« höre, ist da ganz viel Weisheit. Meine Oma, die 83 Jahre alt ist, musste im Krieg barfuß durch viele Länder fliehen. Sie erzählt mir ähnliche Weisheiten wie meine Lehrerinnen und Lehrer in der Natur. Hinter ihren Geschichten steckt die gleiche Botschaft: Man geht durch Schwierigkeiten und kann sich entweder anpassen oder querstellen. Alte Menschen sind näher an dem großen Übergang, sie wissen, bald ist das Leben vorbei. Durch sie bekomme ich eine ganz andere Perspektive, wähle andere Worte, erfahre eine ganz andere Energie. Ich schätze die Ältesten sehr und sehe es als eine Aufgabe für uns, gute Älteste zu werden.
js Ein schönes Lebensziel! Ihr habt so viel zu erzählen, da
denke ich, dass es für euch ganz gut aussieht, an diesem Ziel anzukommen. Danke für das inspirierende Gespräch!


▲ Zwei Wilde
Oya 05 — November/Dezember 2010
Alles weitere im Internet – und im Wald:
Den Video-Mitschnitt und eine Mitschrift des gesamten
Gesprächs gibt es auf www.oya-online.de.
Mehr Informationen zu dem Programm, an dem Bastian und
Andreas in ­Wisconsin teilnahmen: www.teachingdrum.org

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